Der Hardturm

Finissage – ein Stadion wird geschlossen
oder — Tod eines Stadions

\ Am 1. September dieses Jahres (2007) endete mit dem Spiel der Grasshoppers gegen Xamax Neuchâtel vorerst die 78jährige Geschichte des Zürcher Hardturmstadions. Sofern sich die Investorengemeinschaft mit den Anwohnern einigt, wird an Stelle des alten, reinen Fußballstadions eine neue Arena gebaut werden. Das Stadion ist mittlerweile versiegelt und wird aus Sicherheitsgründen bewacht. Bis zum endgültigen Abriß bleibt es für die Öffentlichkeit gesperrt. Da trotz der weiterhin andauernden Händel zwischen Stadt und Verein auch in Karlsruhe bald Abschied genommen werden dürfte, schauten wir uns einfach mal an, wie es denn so ist, wenn Fans und Klub die sportliche Heimat verlieren.

„Das Stadion hatte zu Lebzeiten den falschen Klub und die falschen Fans.“
Der Journalist Niels Walther im Zürcher Tages-Anzeiger

Schon zwei Stunden vor Spielbeginn herrscht reichlich Betrieb vor dem Hardturm-Stadion, dem  der gleichnamige Stadtteil Zürichs seinen Namen gab. Dies nährt die Hoffnung, daß die Zürcher zumindest am Tage der Finissage der alten Heimat des Grasshopper-Club Zürich die angemessene Ehre erweisen werden.

Selbstverständlich wäre es nicht. Denn trotz der stimmungsvollen Arena und insgesamt 45 nationalen Titeln fanden die Hoppers nur schwerlich den Weg in die Herzen der Zürcher. Vergleichbar mit dem Verhältnis des FC Bayern und der Sechziger zur Münchner Bevölkerung besitzt auch hier der kleinere FC Zürich, dem der Ruf des kultigen Proletenvereins den besonderen Charme zu geben scheint, die größeren Sympathien.  Zu sehr haftet GC der Ruf des Bonzen- und Nobelvereins an – Bankiers und noble Gönner pumpten stets ausreichend Geld in den Verein. Freilich, ohne den Verein auf diesem Wege im Fußballvolk populärer und gelittener machen zu können. Er wirkte auf distanzierende Weise stets zu nüchtern und seine Fans bisweilen etwas fade. Und dies noch hinzukommend in einer eher wenig fußballbegeisterten Stadt. Der Rekordmeister wußte sich mit der Situation jedoch stets zu arrangieren, da er sportlich als die unumstrittene Nr. 1 in der Stadt galt. Der bessere und erfolgreichere Fußball wurde in der Regel auf dem Hardturm gespielt.

Da hilft es den Hoppers längst nicht mehr, daß Lokalkonkurrent FC Zürich oder der FC Basel inzwischen über höhere Etats verfügen. Beim Rekordmeister hingegen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Sponsorensuche ist, sofern sie überhaupt stattfindet, ein Desaster. Wie anno dazumal lebt der Verein von Gönnern, vornehmlich aus dem Umfeld der UBS-Bank. Hierbei ist der Weg vom Mäzenatentum zur Almosengabe nicht weit. Dies sieht dann so aus, daß in Hauruck-Aktionen – oft zur Winterpause, wenn es tabellarisch brennt – einfach einige Millionen Franken eingesammelt werden. An einen systematischen Aufbau eines tragfähigen Fundamentes erinnert bei solchen Handlungsweisen kaum etwas. Die einzige Konstante im Klub ist die landesweit ebenso hervorragende wie anerkannte Nachwuchsarbeit. Alleine, der Abstieg schmerzt. Vom Renommierklub zum Ausbildungsverein – was für den einen Freund des Vereins den schleichenden Niedergang bedeutet, ist für den anderen Gönner kein Problem. Es ist bekannt, daß es Spender gibt, die Ihr Geld bewußt nur der Nachwuchsausbildung zukommen lassen, da sie sich mit der kurzsichtigen Erfolgsjagd immer weniger zu identifizieren scheinen.

Der FC Zürich ist vorbeigezogen

Zumal diese immer weniger erfolgreich ist. Der FCZ hat seinen Lokalrivalen inzwischen sportlich distanziert und in der Saison 2006/07 fanden durchschnittlich gerade noch 6.900 Zuschauer den Weg in den Hardturm. Weniger waren es nur noch in Aarau, Thun und Schaffhausen. Selbst im letzten Meisterjahr zog der Klub nicht die Massen an, blieb der Zuschauerkreis überschaubar und gab den Heimspielen stets eine etwas „herzige“ Atmosphäre. Potenziert wurde dieses Charakteristikum des GC-Fan-Biotops noch durch das Initiieren der sogenannten „GC Family“ zu Beginn des neuen Jahrtausends. Mit Familienfreundlichkeit wollte man den Zuschauerkreis erweitern, stieß bei der alteingesessenen Anhängerschaft jedoch auf erbitterten Widerstand. Zu Recht fürchtete diese, sich landesweit der Lächerlichkeit preiszugeben. Inzwischen ist diese zweifelhafte Marketing-Aktion in einen sanften Tiefschlaf versetzt worden.
Stimmung in der wind- und geschichtsschiefen Bude gab es zuletzt allenfalls nur noch, wenn die Gästefans aus Basel, St. Gallen oder vom FC Zürich dabei waren. Letztere waren zuletzt öfters im Hardturm, als von überzeugten Grasshoppers erwünscht. Durch den Neubau der FC-Heimstätte Letzigrund trug der ungleich beliebtere Kleine-Leute- und Arbeiterverein seine Heimspiele auf dem GC-Geläuf aus – und feierte ebendort die Meisterschaft der vergangenen Spielzeit. Auch das noch.

Botschafter der Vergangenheit

Nun also das letzte Ballyhoo. Die Fans sammeln sich in Grüppchen, am Kiosk gegenüber oder der benachbarten Tankstelle, viele fläzen sich allerdings auch einfach nur in der Spätsommersonne. Zu herzlichen Begrüßungsszenen kommt es, als nach und nach ältere Herrschaften eintreffen, die so gar nicht zum zu diesem Zeitpunkt hier versammelten, sehr jungen Publikum zu passen scheinen. Es sind die sogenannten „Botschafter“ der Grasshoppers – ehemalige Spieler, Trainer und Funktionäre des Klubs.  Mit dabei Timo Konietzka, aber auch Hans-Ruedi Fuhrer, WM-Teilnehmer der Schweiz 1966 und damals auf dem Feld, als Franz Beckenbauer im Gruppenspiel (5:0 für die Bundesrepublik) seine WM-Premiere feierte. Die Botschafter finden zweimal im Jahr zusammen, heute ist die Abschiedsvorstellung des Hardturms der Anlaß. Fuhrer spricht davon, daß sich die alten Spieler zunehmend als ungewünschter  Ballast des Vereins empfunden hätten und so einfach zur Selbsthilfe griffen, um die alten Freundschaften und Kontakte nicht verpuffen zu lassen: „Hier in der Schweiz gibt es nicht wie in Deutschland die Mentalität, verdiente Spieler an den Verein zu binden.“ Das Understatement des freundlichen Herrn ist gewiß nett gemeint, doch haben auch in Deutschland die Vereine erst spät, wenn überhaupt, erkannt, daß es sich lohnt, der identitätsstiftenden Wirkung früherer Generationen zu vertrauen.

Von Katastrophen und Triumphen

Natürlich findet man beim GC auch das fußballszenentypische Standard-Pärchen Vater und Sohn – vereint in der gemeinsamkeitsstiftenden Samstagnachmittagsbeschäftigung Stadionbesuch. Pascal, Jahrgang 1971, wurde selbst mit acht Jahren vom Vater mitgenommen. Nachdenklich erinnert er sich an die Hoppers-Klassiker im Europapokal, Spiele wie gegen den FC Sochaux oder Torino. An der Hand führt er seinen Sohn, gerade einmal 5½  Jahre alt und sehr schüchtern. Ihm gefallen die vielen Leute und der Trubel. Das ist aufregend. Und auch, daß ein neues Stadion gebaut wird. Der Vater zuckt mit den Schultern und ergänzt, daß „der  Verein Probleme mit den Zuschauerzahlen habe“ und ein neues Stadion ganz einfach attraktiver wäre.
Das alte Stadion, das bald weichen muß, wurde im April 1929 eröffnet. An drei Seiten waren Erdmassen zu Stehwällen aufgehäuft und an einer Längsseite eine überdachte Sitztribüne errichtet worden. Zweimal wurde diese im Laufe der Jahrzehnte von einer Feuersbrunst bis auf die Grundmauern dahingerafft – 1934 und 1968. Die großzügig und monumental wirkende, reine Fußballanlage mit einem Fassungsvermögen von ca. 28.000 Zuschauern (zuletzt 16.700) war zur Zeit ihrer Fertigstellung in der Schweiz einzigartig. Zwei Jahre später konnte der GC dort seinen 8. Meistertitel feiern, 19 weitere sollten folgen.
Charakteristisch für die Anlage ist einerseits die auf einem Pentagon basierende Tribünenarchitektur, die auch für den Letzigrund charakteristisch ist – somit verband der Sport- und Fußballinteressierte ein fünfeckiges Stadion stets mit Zürich. Zugleich wirkt das verwinkelte Stadion, das dem Besucher so manchen Rückzugspunkt und großzügige Bewegungsfreiheit bietet, stets mächtiger und größer, als es tatsächlich ist.
Natürlich war das Stadion auch oft Heimstätte der Schweizer Nationalmannschaft, deren erstes Heimspiel unter Flutlicht 1956 am Hardturm stattfand. Und im für KSC-Fans mythenumrankten November 1993 gelang dort ein 4:0 gegen Estland, mit dem sich die Schweiz für die Weltmeisterschaft in den USA qualifizierte. Es war die erste Teilnahme an einem Weltturnier seit 1966.

Was zählt, ist der Abschied

Zu einer derart denkwürdigen sportlichen Leistung wird es an diesem Nachmittag nicht kommen. In einem sehr schwachen Spiel gewinnt Xamax mit 2:1 und das letzte Tor für den GC im Hardturm fällt in der Nachspielzeit, als längst zahlreiche Rauchschwaden von der Estrade Ost, der Fan-Kurve durch das Stadion ziehen. Raul Bobadilla geht als letzter Torschütze in die Geschichtsbücher ein. Trotz der fußballerischen Tristesse bleiben die 11.700 Zuschauer über die gesamt Spielzeit erstaunlich gelassen und verzichten auf deutliche Mißfallenskundgebungen. Und spätestens gegen Ende der Begegnung, als wirklich niemand vorzeitig dem Ausgang zustrebt, wird deutlich, daß die Menschen tatsächlich zum Abschiednehmen gekommen sind und der sportlichen Hilflosigkeit kaum Beachtung schenken.
Die Ruhe selbst bleibt auch Eugen Desiderato, der Pressesprecher der Grasshoppers. In Habitus und Umgangsformen ganz ein Herr in seiner ursprünglichsten Bedeutung. Er nimmt sich gerne kurz die Zeit und interessiert sich für die Gäste aus Karlsruhe. Geboren in Bruchsal hat er im Badischen sogar noch Verwandte. „Leider findet sich zu ausnehmenden Besuchen nur selten die Zeit“, bedauert er.
Nach Spielende wird der Platz geflutet und das Stadion mitsamt dessen Ausstattung den Fans überlassen. Überall wird gezerrt, geschraubt und demontiert. Was noch niet- und nagelfest ist, ist es bald nicht mehr. Und wie im Mai im Wildparkstadion ist auch hier der Rasen ein beliebtes Erinnerungsobjekt. Im Gegensatz zum dortigen Chaos wird in Zürich der grüne Teppich von Helfern ordentlich filetiert und gibt es für alle Fans sogar ausreichend Pappschachteln, um die Beute sauber davontragen zu können. Selbst auf den Sitztribünen finden sich helfende Hände, die die begehrten Schalensitze abschrauben. Nach zwei Stunden ist die Haupttribüne komplett geplündert.
Alles bleibt diszipliniert, es bilden sich Menschentrauben und es wird gemeinschaftlich Abschied genommen. Besser, man spricht darüber. Vereinzelt lassen sich in ihrer Trauer Vereinsamte auf dem Platz nieder. Tränen fließen nun keine mehr, aber loslassen möchte man nicht.
Auch Tobias (31), Mitglied der Grassmokers, des ältesten „inoffizielle Fanclubs“ der Zürcher, gibt zu, nach dem Schlußpfiff geweint zu haben – „was ich nie erwartet hätte.“ Seine Melancholie wirkt nicht aufgesetzt, wenn er von einem schlimmen Tag spricht. Und „wenn das alte Ding abgerissen wird, wird es noch mal ganz gehörig schmerzen“, seufzt er. Während des Spiels gegen Xamax konnte er sich nicht wie gewohnt auf das sportliche Geschehen konzentrieren, zu oft wanderten Blick und Gedanken über die Tribünen. Dennoch wäre ihm ein Sieg heute wichtig gewesen. Nicht wegen der Tabelle, sondern für den Abschied.
In den Letzigrund werde er irgendwann zwar bestimmt gehen, aber bestimmt nicht so schnell. Und wenn, dann nur mit Freunden. Den Unterschied zwischen den beiden Fankulturen bildet für ihn der Umstand, daß zu GC keine Mode-Fans gingen, sondern „nur die, die ihn wirklich sehen wollten.“ Wegen der Erfolge rennen jetzt halt viele zum FCZ, da ist etwas los. Vor ein paar Jahren war dessen Kurve auch noch leer – „und heute stehen 4.000 drin.“
Wie viele andere hat auch der sympathische Wuschelkopf prinzipiell nichts gegen ein neues Stadion, befürchtet jedoch die Übermacht des Kommerzes. Der Verlust der GC eigenen Heimeligkeit wird kommen, so ist sich Tobias sicher.
„Ach scheiße …“

Ein großer Wurf, der Schatten wirft

Das Neue, das kommen soll, wird den Rahmen des in der Schweiz üblichen bei weitem sprengen. Ruhend auf einem riesigen Einkaufszentrum nebst Parkhaus wird es einen weiten Schatten auf das Stadtviertel werfen. Wie protestierende Anwohner finden, einen zu weiten. Zwei Hauseigentümer sind besonders hartnäckig und prozessieren, demnächst sogar vor dem Schweizer Bundesgericht. Dennoch darf davon ausgegangen werden, daß die investierende Credit Suisse in absehbarer Zeit loslegen kann. Architektonisch gibt es einen großen Wurf,  das scheint sicher – bleibt der neuen Arena doch das typische Fünfeck erhalten. Auch wird es ein reines Fußballstadion werden.
Bis dahin wird es für die Grasshoppers jedoch in den Letzigrund gehen. Drei Wochen nach dem denkwürdigen Beerdingung des Hardturms wird die Leichtathletik-Arena – nach Betreiberaussage ein „Sport- und Eventstadion“ – mit dem Derby FC Zürich gegen die Grasshoppers eingeweiht. Endstand 4:0 für den FCZ. Erwartungsgemäß wird das „Letzi“ von den GC-Fans nicht angenommen. Gegen den FC Luzern kamen offiziell noch 4.900 und gegen einen FC Thun wird erwartet, die Treuesten der Treuen mit Handschlag begrüßen zu können. Bedingt durch die stimmungsunfreundliche Laufbahn wird es dem verlorenen Häufchen nur schwerlich möglich sein, Fußballatmosphäre entstehen zu lassen. Die vom Hardturm gewohnte Bewegungsfreiheit ist durch die Sitzplätze gesprengt und der Fan-Block durch zwei Leerblöcke völlig isoliert.
Viele Hoppers-Fans fehlten bereits bei der Demütigung im Derby. Die Ticketpreise liegen für die Premiere derart unverschämt hoch, daß sie es vorziehen, zuhause zu bleiben. Auch wenn es dieses strenggenommen gar nicht mehr gibt.

Das Hardturmstadion, wie es war und nie vergehen wird, finden Interessierte auf www.hardturmstadion.ch

Und wie sein Nachfolger aussehen soll, darf auf www.stadion-zuerich.ch nachgesehen werden.

der Grasshopper-Club Zürich

Der 1886 gegründete GC ist mit 27 Titeln Schweizer Rekordmeister – die längste Phase ohne Meisterschaft währte von 1956 bis 1971, der letzte Meistertitel wurde 2003 unter Trainer Marcel Koller errungen. Hinzu kommen 16 nationale Pokalsiege. Größter internationaler Erfolg ist das Erreichen des UEFA-Pokalhalbfinales 1978. Dort scheiterte man am SC Bastia (3.2 und 0:1).

Zu den auch in Deutschland bekanntesten Spielern, die das blau-weiße Trikot trugen, zählen u.a. Johann Vogel, Alain Sutter, Günter Netzer, Giovane Elber, Raimondo Ponte, Wynton Rufer, Kurt Jara, Heinz Hermann oder Ruedi Elsener. Christian Groß, heute Trainer des FC Basel, hatte seine erste Trainerstation in der Schweizer Bundesliga am Hardturm. Von 1993 bis 1998 gewann er mit den Hoppers zwei Meisterschaften und schaffte zweimal die Qualifikation für die Champions-League.

\ Den ausführlichen Artikel über das Grashoppers-Stadion finden Sie in der Print-Ausgabe von Auf, Ihr Helden N°10

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