Buchpräsentation, Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen, Ronny Blaschke

Ein Interview mit dem Journalist und Buchautoren Ronny Blaschke

\ „Braune Flecken“ im deutschen Fußball, noch dazu in den höchsten Ligen und nicht nur zwischen Görlitz und Riesa?
Was DFB und DFL lange Zeit nicht in Verbindung mit der Hochglanzpräsentation ihres Markenprodukts in Verbindung sehen wollten, drängt endlich auch publizistisch an die Öffentlichkeit, \ z.B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Rechtsradikalismus und Rassismus aus den unseligen 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schickt sich an, in deutschen Stadien ernste Urständ’ zu feiern. …

Auch die KSC-Fans mussten erst vor einigen Wochen diese Erfahrung machen, als sie sich beim Auswärtsspiel bei der U23 von Borussia Dortmund einem nicht nur zur Gewalt bereiten, sondern auch praktizierenden rechten Mob gegenüber sahen. Ein Treppenwitz, dass hernach nur sie – vereinsintern und bundesweit – als die bösen Buben dastanden.

Doch man muss nicht nach Dortmund fahren, um sich der Problematik bewusst zu werden. Selbst im heimischen Wildparkstadion hat sich in der vergangenen Monaten eine Problemszene entwickelt, die sich in den Blöcken D2 und B10 immer wieder lautstark mit „Zick-Zack-Zigeunerpack-Rufen“ bemerkbar macht. Mögen sich die Gästefans im direkt angrenzenden Bereich (u.v.a. von Fortuna Düsseldorf, Eintracht Frankfurt und dem HSV) auch immer wieder ebenso unüberhörbar dagegen gewehrt haben, so blieben wirksame Reaktionen des Vereins bislang aus. Hierbei hätte es zunächst einmal als deutliches Zeichen bereits ausgereicht, wenn dem ausschließlich sportinteressierten Publikum mittels einer klaren Durchsage des Stadionsprechers die Gelegenheit gegeben worden wäre, sich von diesen rassistischen Pöbeleien zu distanzieren. Dass die Vorkommnisse monatelang schlicht nicht zu überhören waren, lässt dem Gedanken Raum, dass sie der KSC erst gar nicht als Problem wahrnehmen und schon gar nicht öffentlich machen möchte. Denn dies könnte ja möglicherweise dunkle Schlagzeilen bringen, mit denen zumindest bis zum 2. Advent nicht alle im Verein konfrontiert werden möchten.

Am Dienstag, 16. Oktober um 19 Uhr wird nun der Berliner Journalist und Buchautor \Ronny Blaschke ins KSC-Clubhaus kommen, im Reisegepäck sein aktuelles Druckwerk »Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen«. Den gebürtigen Rostocker nach Karlsruhe geholt haben die Fan-Initiative \Blau-Weiss statt Braun, die \Supporters, Fanbetreuung und \Fanprojekt des KSC sowie die \Libertäre Gruppe Karlsruhe. Durchgeführt wird die Veranstaltung in Kooperation mit \Input Karlsruhe im Rahmen des Jugendbildungsprogramms der \Rosa Luxemburg Stiftung.

Hallo Herr Blaschke, gleich vorab – ist Ihnen im Zuge Ihrer Recherchen Karlsruhe als einer der Gefahrenherde für Rechtsextremismus im Stadion aufgefallen?

Ronny Blaschke Nein, wobei ich in der Vergangenheit auch erst zweimal da gewesen war und allgemein der Schwerpunkt der Recherchen für mein Buch nicht auf dem Raum Baden-Württemberg lag.

Wie wird Ihre Arbeit eigentlich bei den Vereinen aufgenommen? Freuen die sich, wenn so ein wichtiges Thema aufgegriffen wird, oder fühlt man sich dort eher belästigt?

Ronny Blaschke Am Anfang steht ja immer der Weg zu den Fans und dort die Suche nach Überschneidungen zur NPD oder anderen Organisationen aus der Neonazi-Szene, sodass der Gang zu den Vereinen selbst erst später stattfindet. Aussagekräftiger ist hierbei, wie die Klubs auf meine Lesungen reagieren. Bislang habe ich rund 70, 80 Veranstaltungen zu meinem Buch absolviert, bei denen bislang kaum höhere Funktionäre aus Verwaltung oder Aufsichtsrat zugegen waren. Wenn überhaupt, dann kommt der Fanbeauftragte. Die Vereine erkennen das Problem als solches einfach noch nicht an. Und ich bin eben der Ansicht, dass sich Profivereine mit zweistelligen Millionenetats durchaus auch einmal von selbst des Themas annehmen und auf der Homepage oder in der Stadionzeitung aufgreifen sollten.

Es sieht danach aus, dass die Klubs erst dann reagieren, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Ronny Blaschke Ja, meistens werden die Probleme erst dann offensiv angegangen, wenn es in der eigenen Fanszene zu einem solchen Vorfall kommt. Zwar ist der Umgang mit solchen Problemen im Vergleich zu früher etwas besser geworden, aber noch längst nicht zufriedenstellend. Mit schlichter Ignoranz ist die Haltung der Klubs erst mal ganz gut zu beschreiben.

Wenn sich ein Verein denn mal dazu bekennt und sich darum kümmert – geschieht dies Ihrer Erfahrung nach dann eher aus Furcht um die „Marke“ oder liegt dem ehrliches Bemühen zugrunde?

Ronny Blaschke Generell sollte es heute möglich sein, dass in den gut ausgebauten Marketingabteilungen der Vereine ein oder zwei Mitarbeiter zur Beschäftigung mit sozialpolitischen Themen betraut werden. Bei Werder Bremen z.B. hat dies vor einigen Jahren sehr gut geklappt und wurde eine Abteilung für Sozialmanagement aufgebaut, als der Konflikt mit rechtsextremen Anhängern eskalierte.

Muss dieser Unwille der Vereine, sich auch mit den negativen Auswüchsen der eigenen Anhängerschaft zu beschäftigen, denn eigentlich so ausgeprägt sein?

Ronny Blaschke Also ich glaube, dass es doch eigentlich sehr sympathisch sein kann, wenn Fehler zugegeben werden. Zu diesem Punkt müssen Funktionäre gebracht werden.

Haben Sie in den Bundesligen Vereine gefunden, die Ihrer Meinung nach ein Problem mit rechtsextremen Fans haben, sich dies aber weder nach innen, noch nach außen eingestehen wollen?

Ronny Blaschke Zunächst einmal sollte man betonen, dass Rechtsextremismus nicht nur im Hinblick auf gewaltbereite Neonazis oder NPD-Mitglieder in der Kurve betrachtet werden muss. Sondern es geht um Menschenfeindlichkeit an sich, also auch Homophobie oder Sexismus. Diese Haltungen sind da und in der Gesellschaft weit verbreitet – und also auch im Stadion. Es darf keine Verharmlosungen wie in Aachen geben, wo der Verein das Verhältnis zwischen Karlsbande und Aachen Ultras auf einen ganz normalen Clash von Fangruppen reduziert sehen möchte. Da steckt eine politische Motivation dahinter und wird das Stadion hierfür zur Bühne. Dies gilt auch für Autonome Sozialisten in Dortmund, die Banner hochhalten.

Haben solche Gruppierungen auch tatsächlichen Einfluss im Stadion?

Ronny Blaschke Ja, selbst bei 80.000 Zuschauern wird das Stadionklima durch ihre Präsenz beeinflusst.

Wie sieht eigentlich Ihre „Fußball-Biographie“ aus?

Ronny Blaschke Ich bin in Rostock aufgewachsen und stand in den 90er Jahren auch selbst im Fanblock von Hansa. Die düsteren Zeiten von Homophobie, Hitlergrüßen oder Bananenwürfen auf Anthony Yeboah habe ich damals selbst miterlebt. Und auch wenn diese offenen Gesten dort heute kaum noch zu sehen sind, gibt es sie weiterhin in den Köpfen vieler Leute. Die sind nicht verschwunden.

Würden Sie sich auch heute noch als Fußballfan bezeichnen?

Ronny Blaschke Das war ich mal, auch mit dem Sammeln von Paninibildern und so. Aber dieses Gefühl ist mit den Jahren stark zurückgegangen. Nein, ich bin kein Fußballfan mehr, auch wenn ich die Ergebnisse vom FC Hansa noch verfolge. Aber privat, außerhalb meines Berufs, gehe ich nicht mehr ins Stadion. Je mehr Wissen und Einblick man darüber hat, was in einem Verein tatsächlich passiert, desto größer wird auch die emotionale Distanz.

In wie fern ist Sport, oder Fußball im besonderen politisch?

Ronny Blaschke Fußball ist eine Bühne für Gesellschaftspolitik. Viele Fans irren, wenn sie Politik auf Parlament und Parteien reduzieren.

Begegnet Ihnen der Vorwurf, dass es gerade doch Sie seien, der mit der Thematisierung des Rechtsextremismus die Politik ins Stadion bringt?

Ronny Blaschke Wer sich für ein diskriminierungsfreies Stadion einsetzt, wird gerne auch schon mal als Linksextremist bezeichnet.

Hat Ihre Arbeit auch schon mal zu ernsthaft unangenehmen Situationen mit rechten Fans geführt?

Ronny Blaschke Richtige Bedrohungen noch nicht. Aber aus dem Umfeld des BFC Dynamo heraus wurde einmal gepostet, in welchem Supermarkt ich immer einkaufen würde. Da waren meine damalige Freundin und ich dann doch verunsichert. Und in Ludwigshafen habe ich auch erlebt, wie vor einem meiner Vorträge Rechtsextreme in den Saal einmarschiert sind und die Organisatoren eingeschüchtert haben. So etwas ist kein Einzelfall. Wobei ich inzwischen eine große Öffentlichkeit habe, die mir auch Schutz verleiht.

Und noch die klassische Frage zum Schluss: Wie sollte sich der „normale“ Zuschauer verhalten, wenn er Zeuge von extremistischen Handlungen oder Rufen im Stadion wird?

Ronny Blaschke Ich weiß nicht, ob es die oft genannte, sogenannte Selbstregulierung der Ränge gibt. Perfekt wäre sicher, etwas dagegen zu sagen, Unterstützung zu suchen oder direkt zu den Ordnern zu gehen. Dennoch bleibt es natürlich auch gefährlich, weil die Situation in dieser Atmosphäre von Männlichkeitskult und Emotionalität sehr schnell eskalieren kann. Am wichtigsten ist generell aber der Verein selbst. Dieser muss die schweigende Mehrheit für das Thema Extremismus im Stadion gewinnen und sensibilisieren, und zwar noch bevor etwas passiert. Hier haben die Vereine eine ganz andere Macht und Öffentlichkeit als engagierte Kleingruppen, einzelne Journalisten oder sogar Fanbeauftragte.

Das Gespräch führte Matthias Dreisigacker

\ Hinweis in eigener Sache:

Vor und nach der Lesung besteht im Clubhaus die Möglichkeit, Pubklikationen des Verlag Block 1 wie den Bildband »im Wildpark« und die aktuelle Ausgabe N°19 von »Auf, Ihr HELDEN!« zu begutachten und bei Gefallen käuflich zu erwerben.

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