Alemannia Aachen Tivoli

Der Tag davor \ Ein Stimmungsbild aus Aachen

\ Samstagmittag vor dem großen, vorläufig vielleicht letzten Zweitligaheimspiel der Alemannia. Der Reisende wird von einer geradezu oberrheinischen Schwüle überrascht und schwitzt wie ein „Brunnebutzer“. Vielleicht deshalb ist das angekündigte Abschlusstraining der Aachener ausgefallen. Oder Trainer Ralf Aussem hat sich kurzfristig für ein Geheimtraining entschieden …

Für den KSC wäre dies gewiss kein schlechtes Omen, sind doch die Resultate solcher Verzweiflungstaten im Stile der Scharingers und Andersens noch in bester Erinnerung. Enttäuschte ältere Männer, in Mimik und Habitus wahre Prachtexemplare der gefürchteten Spezies der Rundbauexperten, schleichen enttäuscht über das betonierte Gelände und weiß der Beobachter nicht, ob sie sich durch jahrzehntelange Fronarbeit oder die sich periodisch wiederholenden Elendsphasen ihres Vereins derart zu beugen begannen. In ihren Tränesäcken und Wangentaschen könnte jedenfalls das eine oder Prachtexemplar eines Pfälzer Kartoffelackers seinen bequemen Platz finden.

Um „die Klub“ steht es in diesen Tagen nicht gut und könnte binnen der folgenden 28 Stunden der nächste Gnadenstoß folgen. Noch 2004 wurde ebenso überraschend wie in dieser Runde Hannover 96 über diverse Bolzplätze Europas getourt und folgte bald ein leichtfertig verschenktes Jahr in der 1. Bundesliga, ehe sich die Dynamiken von Größenwahn und sportlicher Potenz dramatisch auseinanderentwickeln zu begannen. Karlsruher Fußballfans kennen sich in den Kategorien solcher Fallhöhen bekanntlich derart gründlich aus, dass Mitgefühl nicht geheuchelt werden muss, sondern aus dem eigenen Erfahrungsschatz routiniert geborgen werden kann. „Ein schöneres Stadion als dat kannste doch gar nit bauen. Schauense doch mal, wie steil dit hochjeht“, sagt einer. In seinem Rücken liegt noch die verbliebene Halde des alten Würselener Walls, jener mächtigen Stehtraverse, die sich im Fernsehbild stets rechts des Kamerabildes erhob. „Aber so schön wie es ist, es hat uns doch das Genick gebrochen“, sagt er noch, ehe ein Windstoß seine Schirmmütze hinweg fegt. Flinker als Michael Wittwer spurtet er hinterher und drückt sie sich wieder auf den ergrauten Schädel: „Wer ist denn Hoffenheim? Da könnense noch so oft von ‘1899’ reden – die waren nix und werden nix. Oder Sandhausen, die kenn ich gar nit, aber die steigen auf und wir gehen runter“. So bruddeln die Menschen von Essen über Offenbach und Karlsruhe bis nach Giesing. Alles fließt und manch Liebgewordenes zuviel wird vom Strom der Zeit mitgerissen. „Karlsruhe wird es morgen machen“, setzt er seiner höflichen Verabschiedung voran.

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Alter Tivoli Aachen
Alter Tivoli Aachen
Alemannia Aachen
Würselen Wall Alter Tivoli Aachen
Alter Tivoli Aachen

Dabei ist seine Erwartung weder mutig noch singulär. Überall hängen die Mundwinkel in Schritthöhe, ihre Alemannia wird absteigen. Auch ein vorbeikommender Nachwuchstrainer rechnet mit dem KSC, aber nicht mehr mit seinem Verein: „Wer hätte das gedacht? Aber ganz ehrlich, das ist doch auch das Schöne am Fußball – mal geht es rauf, und dann wieder runter“, lächelt er dem ausbrechenden Frühling entgegen. Die Gründe? „Der größte Fehler war wohl Funkel“, bricht er das Drama auf einen Mann herunter, der in diesem Zusammenhang oft genannt wird. Wahrscheinlich hat sich der Mann, der noch vor wenigen Jahren selbst einen KSC-Kader des Sommers 2011 souverän in die Bundesliga geführt hätte, bei Nacht und Nebel über die nahe Grenze zu Belgien geflüchtet und hockt seither verschüchtert hinter einem dichten Busch. Nur keinem Aachener zur falschen Zeit am falschen Ort begegnen. In Karlsruhe war im vergangenen Herbst noch darüber geklagt worden, dass Rainer Scharinger nur um ein paar Tage zu spät entlassen worden sei, da Funkel bereits am Tivoli unterschrieben hatte. Fußball kann also nicht nur schön, sondern im Rückblick auch heiter sein.

In jedem Fall ist er das für die Jungs der U15 und U14 der Alemannia, die sich vor ihren Spielen gerade am Stadion treffen. Während Erstere bald zu Eintracht Dortmund aufbrechen müssen, erwarten die anderen den MSV Duisburg. Auf die Frage, ob es für die Großen noch zum Klassenerhalt reicht, bricht Hektik aus – „Ne!“, „klar!“, „schon!“. Zumindest bei dem einen oder andern der jungen Experten ist die Hoffnung also noch da, dass alles gut werden könne. „Funkel wurde nicht früh genug entlassen“, drückt ein Bub noch entschlossener als Günther Netzer seine Analyse in die Welt. Sein Trainer pfeift, und ab geht’s zur Dortmunder Eintracht. Wohin die Reise für die Profis geht, ist trotz aller Untergangsstimmung längst nicht geklärt, denn die Wunderwelt des Fußballs ist groß.

In Aachen heißt die Karlsruher „Ehrensache“ übrigens „Auf Gedeih und Verderb“ und lassen sich Kreative also einiges einfallen, auf dass Ball und Euro auch künftig in die richtige Richtung rollen. Und erinnern ungewollt doch nur an die ranzigen Parolen in ehemaligen DDR-Betrieben oder Konsum-Schaufenstern. Denn wie ehemals wird auch heute noch viel weniger dessen geglaubt, was offensichtlich doch so ganz anders ist. Und morgen weiß der Interessierte auf jeden Fall sogar noch mehr darüber.

Aus Aachen berichtete: Matthias Dreisigacker
©Fotos: Christian Pfefferle (2008/2012)

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