David Pisot

Wer sagt, dass Ingolstadt nicht einer der attraktivsten Gegner im Wildpark sein könnte? Denn immerhin verdankt die Vereinsgeschichte einem der beiden Vorgängervereine der Schanzer, dem ESV, den höchsten Punktspielsieg des KSC seit dessen Gründung im Jahr 1952! Wir blicken mit einem Zeitzeugen zurück auf den 2. Februar 1980.

\ Kaum etwas deutete an jenem grauen Winternachmittag daraufhin, dass sich etwas besonderes ereignen könnte. Der KSC als Tabellenzweiter der 2. Liga Süd empfing zuhause nur den Aufsteiger ESV Ingolstadt, der den Aufstiegsfavoriten noch im August beim Hinspiel schwer geärgert und mit 3:2 bezwungen hatte.

Bereits das erste Auswärtsspiel beim FV Würzburg 04 hatte mit einem für den KSC enttäuschenden 0:0 geendet, sodass KSC-Trainer Manfred Krafft nach der Niederlage im ESV-Stadion und somit nur drei Punkten aus den ersten drei Saisonspielen schwer erbost war. Via Kicker entrüstete er sich: „Wenn man zwei Tore auswärts schießt, muß man mindestens einen Punkt holen. Ich bin von unserer Abwehr und unserem Mittelfeld maßlos enttäuscht. Das wird Konsequenzen haben.“ Während es den Herren Kohlenbrenner, Dohmen, Busch, Struth oder Bold also mächtig in den Ohren geklingelt haben muss und Zeugwart Klimesch im Geiste schon die Medizinbälle einfettete, herrschte beim ESV natürlich Hochstimmung. Herfried Ruhs, Schütze des Siegtores und als Torjäger des SSV Jahn und eben auch der Ingolstädter in den siebziger Jahren ein populärer Repräsentant des bayerischen Fußballs, erinnert sich noch heute gerne an die grandiose Atmosphäre im vollen ESV-Stadion – „der KSC war damals ein absoluter Kassenmagnet“.

Peter Gadinger KSC-Torwarttrainer
Luis Robles KSC Torwart US Soccer Boy

Und nun also die Revanche \ im Wildpark. Wie in der Hinrunde war der KSC auch aus der Weihnachtspause heraus nur schwach gestartet. Zwar wurde im DFB-Pokal der Bundesligist Borussia Mönchengladbach ebenso überraschend wie verdient mit 1:0 bezwungen, doch in der Liga hatte es in der Folge zuhause gegen den späteren Absteiger aus Würzburg nur zu einem peinlichen 1:1 gereicht. Und als nur eine Woche darauf bei den Stuttgarter Kickers sogar mit 1:2 verloren wurde, drohte bereits wieder der traditionelle Frühjahrseinbruch und somit der Verlust aller Aufstiegsträume. Kein Wunder also, dass sich gegen die Eisenbahner im Wildparkstadion nur 2.500 Unentwegte einfanden. Diejenigen, die nicht gekommen waren, dürften dann während der „Landesschau“ oder bei „Heute im Stadion“ ihren Augen und Ohren nicht getraut haben – dem KSC gelang mit 10:0 ein historischer Kantersieg, und hätte Kalli Struth nicht noch einen Elfmeter verschossen, so wäre ein noch deutlicheres Ergebnis zustande gekommen. Hier die Torfolge:

1:0 Edmund Becker [ 6.] \ 2:0 Martin Wiesner [ 28.] \ 3:0 Edmund Becker [32.] \ 4:0 Gerd Bold [ 41.] \ 5:0 Emanuel Günther [ 52.] \ 6:0 Emanuel Günther [ 58.] \ 7:0 Michael Harforth [ 59.] \ 8:0 Gerd Bold [ 68.] \ 9:0 Wilfried Trenkel [ 70.] \ 10:0 Gerd Bold [ 87.]

Im Kicker geriet Rainer Speck völlig außer sich und steigerte sich in das Erschaffen eines ewigen Epos – das Originalmanuskript hat sich bestimmt schon vor Jahren das Deutsche Literaturarchiv in Marbach sichern können: „Der Fluch mehrerer böser KSC-Taten in jüngster Vergangenheit traf den Aufsteiger hart, ließ ihn so tief wie kaum zuvor fallen. Vor Ehrfurcht erstarrend wurde der ESV-Expreß in Karlsruhe reichlich unsanft gebremst, ja sogar aus der Bahn geworfen. Endlich ließ der KSC wieder einmal Ball und Gegner laufen, attackierte über die Flügel, kanonierte aus allen Rohren. Wäre vor Ingolstadts arg strapaziertem Tornetz nicht mit Hummel ein Meister seines Fachs gestanden, die Zuschauer wären mit dem Trefferzählen gewiss in Schwierigkeiten geraten. Die ausnahmslos unbeschäftigten KSC-Abwehrrecken taten endlich auch etwas für den Gang nach vorn ,das Mittelfeld kurbelte wie schon lange nicht mehr an und traf zugleich. An der Spitze Bold, dem dieses Erfolgserlebnis nach Wochen Abstinenz bestimmt am ehesten helfen dürfte. (…)“

Gerd Bold Benefizspiel Raimund Krauth

Weitaus weniger Glücksgefühle löste dieser spektakuläre Nachmittag hingegen bei Ruhs aus – „Ja, es war ein Wahnsinn! Der KSC war dermaßen überlegen, und wir hingegen viel zu grün für so eine gute Mannschaft. Ich war jeweils fünf Jahre beim Jahn und in Ingolstadt Profi, habe aber niemals zweistellig verloren – nur eben beim KSC. Allerdings, beim VfB Stuttgart haben wir mit dem Jahn auch einmal mit 8:0 verloren. Ottmar Hitzfeld hat sechs Tore geschossen, der war nicht zu halten. Da habe ich aber nicht mitgespielt.“ Trainer Horst Pohl durfte nach dem Debakel im Wildpark noch das Derby gegen den MTV Ingolstadt (2:2) verantworten, ehe das Präsidium reagierte und dessen Vorgänger Heinz Schmal zurückholte.

Ruhs, der zu Beginn seiner Karriere nicht nur Fußball spielte, sondern in München auch Sport studierte, war gewiss kein Schlechter und gehörte bei seinen Mannschaften stets zum Stamm. In der zweiten Liga Süd für den SSV Jahn kam er von 1975 bis 77 auf 64 Spiele und erzielte 21 Tore, für den ESV waren es von 1979 bis 81 immerhin noch 63 Einsätze Spiele mit elf Treffern. Nachdem der ESV 1981 die Qualifikation für die eingleisige zweite Liga nicht geschafft hatte, „machte die Vorstandschaft brachiale Fehler und alles brach zusammen. Aber schon vorher hat der Verein viel kaputt gemacht, indem er zu viele auswärtige Spieler holte und der alte Stamm plötzlich nichts mehr zählte“. Für Ruhs zerschlugen sich anschließend Wechsel zum FC Vaduz und zur ambitionierten SpVgg. Starnberg, die mit ehemaligen Bundesligastars wie Jupp Kapellmann und Erich Beer von der Bezirksliga aus hoch hinaus wollte, ehe auch ihr das Geld ausging. Ruhs sattelte anschließend um, hörte als Lehrer auf und wechselte in die Immobilienbranche, wo er in Starnberg noch heute erfolgreich tätig ist. Ruhs war übrigens der erste Profi, der die Fußballlehrerlizenz bekam: „Mein Studium war so anspruchsvoll, dass der DFB trotz Widerständen irgendwann nicht mehr anders konnte. Alle meine Trainer hatten immer einen Heidenrespekt vor mir, weil sie genau wussten, dass ich eine bessere Ausbildung als sie selbst hatte.“ Dass er nach der Karriere nicht selbst Trainer wurde, bedauert er zwar ein wenig, möchte sich nun aber endlich diesen Lebenstraum erfüllen und seine Erfahrungen beim FT Starnberg 09 weitergeben – „dort steige ich jetzt wahrscheinlich ein“. An die Derbys gegen den MTV erinnert er sich noch immer gerne. “Das waren Klassenkämpfe. Möbel Wangler hatte bei uns alles bezahlt, und der MTV war eben der Arbeiterverein. Es trafen Welten aufeinander, eine ewige Rivalität.“

Für den gebürtigen Regensburger müssen es insgesamt tolle Jahre gewesen sein: „Mir ging es als Profi beim ESV nicht schlecht, ich hab’ heute noch was von dem Geld, das ich damals dort verdient habe! Es war eine wunderschöne Zeit und ich ein recht bekannter Mann. Wenn ich montags in die Schule kam, dann haben die Kinder schon die Zeitung in der Hand gehabt“. Noch heute hat der einstige „Spaßvogel von der Firma ESV“ Kontakte zum Fusionsverein FC Ingolstadt und zum Jahn, er pflegt Freundschaften zu ehemaligen Mannschaftskameraden wie Heinz Michalka, Gerhard Fischer oder Manfred Richthammer. Aber auch zu Norbert Hartmann, seinerzeit mit ihm beim ESV und anschließend lange Jahre Manager der SpVgg. Unterhaching, „bis die Francisco Copado geholt und ihn vor die Tür gesetzt haben. Wenn ein Verein von einem einzigen Sponsor abhängig ist, der eines Tages zusperrt, dann bist Du kaputt. Denken Sie an meine Worte, ein Klub muss sich auf breitere Beine stellen und darf sich nicht von einem einzigen Mann abhängig machen lassen.“

4 Antworten zu “Am Freitag wieder ein historischer Sieg gegen Ingolstadt?”
  1. Charlie sagt:

    Mal wieder eine schöne Anekdote aus besseren Tagen. Vielen Dank!

  2. Ich wunder mich ja immer wieder, wieviel alte Spieler das Team um Dreisigacker & Co. im Laufe der Zeit schon ausgegraben haben.

    Hut ab!

  3. Zitat: “Der KSC war damals ein absoluter Kassenmagnet”

    Sowas zu lesen, tut, grade im Hinblick auf aktuelle Gegebenheiten, wo beim letzten Heimspiel gegen die Schanzer grad mal 11.000 Zuschauer im Wildpark waren, irgendwo doch weh……

  4. Auf gehts, Ihr Kicker des KSC.
    Bringt uns allen drei Punkte aus Ingolstadt und den Klassenerhalt mit.

  5.