Florian Lechner, Arne Feick

Ein persönliches Porträt von Jörn Kreuzer über Florian Lechners Zeit in Hamburg. Der KSC-Fan ist Journalist und lebt in Hamburg. Für den FC St. Pauli arbeitet er u.a. als Redakteur der Stadionzeitung “Viva St. Pauli”. Ohne Fußball läuft bei ihm nichts: Seine Abschlussarbeit hat er über den Fußball in der Weimarer Republik geschrieben.

\ „So wie der uffs Feld läft, siehd mer glei, dass der mol auf Pauli war“, raunten die silberlockigen Kiebitze Ende Juni auf dem kleinen Sportplatz in Karlsruhe-Blankenloch. Beim Freundschaftsspiel des Karlsruher SC gegen den SV Blankenloch brach gerade die 60. Minute, als die neue KSC-Elf nahezu komplett eingewechselt wurde …

Mit dabei war auch der Rechtsverteidiger, auf den das obige Zitat gemünzt war – Florian Lechner, Neuzugang vom FC St. Pauli. Geht es nach den Rentnern am Spielfeldrand, so haben die sieben Jahre, die „Lelle“ beim Hamburger Kiezclub verbracht hat, offensichtlich auf seine Spielfeldpräsenz abgefärbt. Als Flo die Geschichte hört, muss er schmunzeln: „Man eignet sich schon einen Spielstil an. Meiner hat sich bei meiner Zeit beim FC St. Pauli vielleicht noch verstärkt. Man muss aber nicht viel machen, um für die Fans als Gewinner vom Platz zu gehen, auch wenn man mal verliert.“ Damit meint der 30jährige vor allem: niemals aufgeben, auch wenn es noch so aussichtslos erscheint.

Kein warmes Wasser

Diese Einstellung zum Beruf war Goldwert, als Lechner 2004 ans Hamburger Millerntor wechselte. Der FC St. Pauli war ein Jahr zuvor nur knapp an einer Insolvenz vorbeigeschrammt, konnte aber durch die medienwirksame „Retteraktion“ in der Regionalliga Nord gehalten werden. In dieser Phase war das Prädikat „Chaosclub“ durchaus angebracht. Nach den Spielen gab es schon mal kein warmes Wasser. Manchmal konnte das Flutlicht erste eine halbe Stunde vor dem Anpfiff angeschaltet werden, weil die Stromrechnung noch nicht bezahlt war. Auch sportlich lief es nicht richtig rund. Dem Verein fehlten im Frühjahr 2005 18 Punkte auf einen Aufstiegsplatz. Flo grätschte und kämpfte sich unterdessen in die Herzen der Fans. Dem Rechtsverteidiger wurde schnell bewusst, dass der Kiezclub mehr war als ein gut vermarkteter Totenkopf: „Fußballer werden auf St. Pauli in dem Sinne nicht als Stars gesehen, das lief eher nach dem Motto: „Leben und leben lassen“. Das hat mich sehr beeindruckt. Wenn man selbst im Viertel wohnt, merkt man schnell, auf welche besondere Art der Verein mit den Menschen dort verbunden ist.“

Sportlicher Aufstieg und Verletzung

Es folgte die mittlerweile als legendär geltende „Bokalsaison“, in der St. Pauli als Drittligist Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen ausschaltete, ehe die Bayern im Halbfinale die Endstation waren. Im Achtelfinale gegen Hertha BSC (Endstand 4:3 n.V.) schoss Lelle in der Verlängerung das 3:3 und wurde beim Jubeln von Krämpfen in den Fingern geplagt. Die Mühen hatten aber sich gelohnt. Durch die Pokaleinnahmen war der Verein finanziell saniert. Wenig später übernahm Holger Stanislawski den Trainierposten und führte mit seiner Akribie und Leidenschaft den Club zurück in die 2. Bundesliga.
Im Sommer 2007 schien die Welt am Millerntor vollends in Ordnung zu sein, doch in der Vorbereitung zu seiner ersten 2.Liga-Saison brach sich Lelle das Wadenbein – schon an sich eine schwere Verletzung, doch es sollte noch schlimmer kommen. Die Titanplatten, die Flo eingesetzt worden waren, verursachten eine Knochenhautentzündung. Erst Monate später wurde die Ursache dafür richtig erkannt: Eine Titanallergie. Insgesamt 18 Monate arbeitete Lechner für ein Comeback: „Ich habe in der Zeit gemerkt, wer ein wirklicher Freund oder ein wirklicher Bekannter ist. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar, obwohl natürlich niemand gerne anderthalb Jahre verletzt ist.“

St. Pauli wurde hipper

Als Flo im Februar 2009 endlich aufs Feld zurückkehren konnte, schielte der Verein sportlich bereits in Richtung Bundesliga. Die Verantwortlichen um Präsident Corny Littmann hatten mittlerweile den Stadionneubau begonnen. Die Südtribüne war schon fertig, bald sollte die Haupttribüne folgen. Durch die Modernisierung des Millerntors ging in Flos Augen zwar viel Charme verloren, war aber in letzter Konsequenz unumgehbar: „Nur mit den Geldern von Sponsoren, Logen und Businessseats kann man als Verein heute mittelfristig bestehen.“ Beim FC St. Pauli würde man aber immer noch einen gesunden Mittelweg finden, auch weil man unter anderem den Fans ein großes Mitspracherecht einräumt. Das Viertel hingegen habe sich in den letzten Jahren eher zum Negativen verändert: alles sei hipper geworden, die Mieten für Geschäfte und Wohnungen hätten sich verdoppelt. Alte Geschäfte mussten Szeneläden weichen und Flo stellte sich die Frage: „Wie sollen das Familien bitte noch zahlen?“

Abschied von St. Pauli – Neuanfang beim KSC

Nach dem Bundesligaaufstieg 2010 wurde die sportliche Konkurrenz größer, das Klima dementsprechend rauer. Lelle unterschrieb erst spät einen neuen Einjahresvertrag und feierte in Hannover schließlich sein Bundesligadebüt. Als der FC St. Pauli in Richtung Abstieg taumelte, pfiffen die Kenner schon von den Dächern, was der Verein lange nicht offen kommunizieren wollte: Florian würde keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Er erfuhr erst nach dem letzten Heimspiel davon. Für eine offizielle Verabschiedung war es zu spät. Kurzerhand organisierten Freunde und Bekannte ein Abschiedsspiel für ihn und Marcel Eger, dessen Vertrag auch nicht verlängert worden war. Zu einem guten Zweck kamen auf einen Mittwochabend rund 7.000 Leute zur Adolf-Jäger-Kampfbahn nach Altona. Für Lelle zeigte sich unter diesen Umständen noch einmal, dass trotz der zunehmenden, bundesweiten Wahrnehmung des Vereins als „Kultclub“ vor Ort immer noch dieser St. Pauli-Kosmos existiert, in dem jeder seinen Platz und seine Rolle hat.

Zu Hundert Prozent

So hat die Zeit in Hamburg Flo nachhaltig geprägt: „Ich bin offener und gelassener geworden, auch durch die Verletzung. Früher war ich verbissen. Da stand mir auch mal das eigene Ego im Weg. Als Gegenspieler will ich mich immer noch nicht haben. Ehrgeizig bin ich wie eh und je.“ Genau deswegen war es Zeit für einen Neuanfang. KSC-Trainer Rainer Scharinger hat ihn in guten Gesprächen von seinem „Projekt“, wie er es immer nannte, überzeugt: „Ich habe mich schließlich für den KSC entschieden, weil die sportliche Adresse bei diesem Traditionsverein immer noch gut ist und ich als älterer Spieler den jungen etwas auf den Weg geben will.“
Lelle kann es nun kaum erwarten, auf die alten Kollegen zu treffen und die KSC-Durststrecke endlich zu beenden: „Ich bin heiß wie Frittenfett. Für mich würde es nichts Größeres geben, als sechs Punkte gegen St. Pauli zu holen. Denn, wenn ich etwas mache, dann zu 100%!“

\ Hinweis in eigener Sache: Keine zwei Tage nach unserem Gespräch wurde Flo in Düsseldorf von unseren eigenen Leuten angespuckt. Über mangelnden Respekt und Anstand an dieser Stelle Worte zu verlieren, ist hoffentlich nicht nötig. Flo war über den Vorfall dementsprechend schockiert und entsetzt, zumal wir uns lange über verschiedene Umgangsformen unterhalten haben. Solch eine widerliche Attacke wäre bei St. Pauli nicht einmal bei 34 Niederlagen in Folge denkbar. Vielleicht sollten wir uns alle einmal Gedanken darüber machen, ob wir über diese Art der „Kommunikation“ unserem KSC in der momentan Situation wirklich noch helfen.

3 Antworten zu “Florian Lechner \ «Ich bin heiß wie Frittenfett!»”
  1. Osterlausi sagt:

    nein, das waren ganz sicher nicht “unsere leute”. solche asozialen arschlöcher sind keine fans.

  2. Holger sagt:

    “Leute”, das war ein Arschloch, wenn ich das richtig mitbekommen habe.

  3. FireStar sagt:

    Der Spuckvorfall blieb auch im Block selbst nicht unbemerkt, die Ultras haben sich “gut” um den Spucker gekümmert.

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