Carsten Rothenbach, St. Pauli Hamburg, Seehafen

Ein Interview mit Carsten Rothenbach von Jörn Kreuzer. Der KSC-Fan ist Journalist und lebt in Hamburg. Für den FC St. Pauli arbeitet er u.a. als Redakteur der Stadionzeitung “Viva St. Pauli”. Ohne Fußball läuft bei ihm nichts: Seine Abschlussarbeit hat er über den Fußball in der Weimarer Republik geschrieben.

\ Ästhetik war in der Saison 2000/2001 im Wildpark ein Fremdwort – die Pyramide zierte immer noch unser ehrwürdiges Wappen, die Trikots glänzten grell und was der schwarze Streifen im blau-weißen Kragen sollte, wusste auch niemand so recht. Der KSC war zum ersten Mal in seiner Geschichte in die Drittklassigkeit abgestürzt. …

Unter Trainer Stefan Kuntz schaffte die Mannschaft mit Spielern wie Werner Heinzen, Tobias Weis und Martin Fabus den existenziell wichtigen Wiederaufstieg. Großen Anteil daran hatte auch ein Talent aus dem eigenen Nachwuchs: Carsten Rothenbach.

Noch vor den Staffeldts und Eichners war Calle eines der ersten Eigengewächse, das sich nach Jahren, in denen die Begriffe „Eigener Nachwuchs“ im Wildpark Fremdwörter zu sein schienen, wieder in die erste Mannschaft spielen konnte. Nach neun Jahren beim KSC wechselte er 2006 zum FC St. Pauli. Mittlerweile hat er über 200 Spiele als Profi bestritten. Im Gespräch mit uns blickt der 31jährige auf seine Zeit beim KSC zurück.

INTERVIEW

Hallo Calle, bevor wir uns der Vergangenheit zuwenden, die wichtigste Frage vorab: Du musstest wegen Problemen mit der Patellasehne fast ein halbes Jahr aussetzen. Wie geht es Dir?

Carsten Rothenbach: Sehr gut. Ich trainiere seit zwei Monaten voll mit der Mannschaft. Ich musste zwar zwei Wochen später in die Saisonvorbereitung einsteigen, bin jetzt aber topfit und habe schon wieder ein paar Spiele von Anfang an bestritten.

Der KSC hat vor kurzem ein neues Nachwuchsleistungszentrum eröffnet. Wie war es aber in den späten 90ern Jugendspieler beim KSC zu sein, noch bevor der DFB flächendeckend Nachwuchskonzepte einforderte?

Rothenbach: Ich habe damals noch in Heidelberg gewohnt und bin jeden Tag mit der Bahn gependelt. Ich wurde am Bahnhof abgeholt. Das war letztendlich alles ein bisschen Eigeninitiative. Sich als 16jähriger, der sich gerade auf dem Weg zum Abi befindet, jeden Tag in den Zug zu setzen, war phasenweise ziemlich anstrengend – um 6.30 Uhr hat der Wecker geklingelt, um 21 Uhr war ich wieder zuhause. Damals gab es zwar auch schon ein Internat, aber das war für Spieler gedacht, die von weiter weg kamen. Rein sportlich kann ich die Förderung nur loben, weil wir gute Bedingungen und gute Trainer hatten. Das neue Nachwuchsleistungszentrum ist sicherlich ein weiterer wichtiger Schritt für die Zukunft des KSC.

Nach dem Abstieg in die Regionalliga im Jahr 2000 musstest Du über Nacht in die Bresche springen. Wie ist das, wenn man als 20jähriger mal kurz einen Traditionsverein vor dem endgültigen Untergang retten soll?

Rothenbach: Das war mir am Anfang natürlich nicht bewusst (lacht)). Zunächst dachte ich nur: „Upps, ich muss mitfahren!“ Und einem Trainer wie Stefan Kuntz zu begegnen, der als Spieler Europameister war – da war schon viel Ehrfurcht und Respekt dabei. Ich habe mich aber schnell akklimatisiert und relativ viele Spiele bestritten, gerade auch von Anfang an (Anm. d. Red., 24 Spiele). Das war für einen 20jährigen in der damaligen Situation ganz ordentlich. Es hat sich aber nie so angefühlt, dass ich den KSC retten muss…Aber wir haben es geschafft! (lacht).

Was waren aus Deiner Sicht die Faktoren für den sofortigen Wiederaufstieg?

Rothenbach: Wir hatten einfach die größte individuelle Qualität. Hinzu kam mit Stefan Kuntz, Frank Lelle und Marco Pezzaiuoli ein sehr gutes Trainerteam. Das war für die damalige Regionalliga Süd schon eine große Nummer. Wir standen quasi vom ersten bis zum letzten Spieltag auf dem ersten Platz und waren schlichtweg die beste Mannschaft. Der KSC hat damals viel in die Spieler und das Trainerteam investiert. Die Verantwortlichen haben damals wohl alles auf eine Karte gesetzt – es ging gut.

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Gab es Schlüsselspiele für Dich?

Rothenbach: (überlegt) Ja! An das 0:0 kurz vor Saisonende in Schweinfurt, unserem direkten Konkurrenten, kann ich mich gut erinnern. Da musste ich mit einer Platzwunde ausgewechselt werden. Ein negatives Schlüsselerlebnis war sicherlich die Niederlage bei den VfB-Amateuren. Da haben wir am „Tag der Arbeit“ bei 40 Grad im Schatten 3:0 verloren (Anm. d. Red., 29. Spieltag). Das war richtig bitter und so ein Moment, in dem wir und das Umfeld gemerkt haben, dass der Aufstieg doch kein Selbstläufer sein könnte. Wir haben uns danach noch einmal zusammengerissen. Schließlich ist für mich auch das Aufstiegsspiel in Wehen auf diesem Dorfplatz unvergesslich, vor allem weil vor dem Anpfiff noch zusätzliche Tribünen aufgebaut wurden.

Warum lief es in den darauffolgenden Spielzeiten in der 2. Bundesliga nicht so rund?

Rothenbach: Das ist schwer zu sagen. Als Aufsteiger ist man ja erst mal darauf erpicht, den Klassenerhalt zu schaffen. Das ist das A und O. Man darf auch nicht vergessen, dass der KSC in den Jahren des sportlichen Niedergangs viel an Substanz verloren hat. In dieser Situation wieder eine Basis zu finden, war nicht so einfach. Finanzielle Mittel waren ja kaum vorhanden und die Verantwortlichen haben versucht, das Beste daraus zu machen. Wir haben den Klassenerhalt, Gott sei Dank, drei Jahre hintereinander am letzten Spieltag geschafft.

Der KSC setzte in dieser Phase auch auf ältere Spieler. Welche Typen waren für Dich prägend?

Rothenbach: Wenn man Spieler wie Thorsten Kracht oder Bruno Labbadia im täglichen Training erlebt, lernt man schon sehr viel. Labbadia war immer noch sehr ehrgeizig, obwohl er schon kurz vor dem Karriereende stand – und Kracht hatte als Abwehrspieler diese unglaubliche Ruhe. Da konnte ich mir schon Einiges abschauen. Solche Leute waren wichtig, weil sie die Mannschaft geführt haben. Nur mit jungen und unerfahrenen Spielern funktioniert es meistens nicht. Auch wenn die Verpflichtungen damals von dem ein oder anderen kritisiert wurden, waren sie für das Mannschaftsgefüge absolut richtig.

Du hast drei Trainer beim KSC erlebt: Stefan Kuntz, Lorenz-Günther Köstner und Ede Becker – wie würdest Du die drei charakterisieren?

Rothenbach: Stefan Kuntz brachte jede Menge, auch internationale, Erfahrung als Spieler mit. Er war ein sehr junger Trainer, der beim KSC bei seiner zweiten Station war. Wir haben beispielsweise in Sachen Dynamik unter ihm damals schon alles gemacht, was heute von der jungen Trainergeneration praktiziert wird. Rückblickend kann ich sagen, dass es gut war, die ersten Profijahre unter ihm trainieren zu können. Lorenz-Günther Köstner war der eisenharte. Der hat uns so getrimmt, dass wir auch mental den Drucksituationen im Abstiegskampf standhalten konnten. Die sportliche Situation des Vereins war ja unter ihm nie einfach, aber er hat immer das Beste aus uns rausholen wollen. Ede Becker war schließlich der „Kumpeltyp“ – Kumpeltyp in dem Sinne, dass er immer viel verlangt hat. Bei ihm ging es nur um Leistung, aber er hat dabei die menschliche Seite nie vergessen. Ede kenne ich nun schon seit über zehn Jahren. Von daher gehört er zu den Leuten beim KSC, die mich am längsten begleitet haben, sei es als Amateur-, Co- oder Cheftrainer.

In der Winterpause 2004/05 hattet Ihr mit Reinhold Fanz kurzzeitig einen weiteren Trainer, der auf Druck eines Sponsors schnell wieder entlassen wurde. Wie habt Ihr das als Spieler erlebt?

Rothenbach: Das war im Endeffekt eine Posse: Er war da und schnell wieder weg. Wir haben ein paar Trainingseinheiten unter ihm absolviert. Die ganze Geschichte kochte hoch und plötzlich war Fanz von der Bildfläche verschwunden. Dann hieß es, dass Ede Becker dafür mit ins Trainingslager in die Türkei fliegt. Dort haben wir als Mannschaft den Wunsch geäußert, dass er uns als Cheftrainer übernimmt.

In dem Moment, wo es mit dem KSC wieder aufwärts ging, bist Du 2006 zum FC St. Pauli gewechselt. Warum?

Rothenbach: Ich war zu diesem Zeitpunkt schon neun Jahre beim KSC. Für mich hat sich die Frage gestellt, ob ich noch einmal etwas anderes erleben und mit meiner Freundin in einer anderen Stadt etwas Neues aufbauen möchte. Ich war 26 und kurz davor in die besten Fußballerjahre zu kommen. Im Nachhinein betrachtet, war der Wechsel zu St. Pauli eine richtige Entscheidung. Wir fühlen uns in Hamburg sehr wohl.

Du bist 2009 mit dem FC St. Pauli zum ersten Mal in den Wildpark zurückgekehrt – wie war‘s?

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Rothenbach: Es war in den letzten Jahren mein schwerstes Spiel. Das ging quasi mit der Vorbereitung darauf schon los. Mit dem Bus zum Wildpark zu fahren und nicht Teil der Heimmannschaft zu sein, war schon ein komisches Gefühl. Ich freue mich aber schon auf das nächste Spiel. Die Leute aus dem Funktionsteam sind größtenteils noch da. Gerade sie treffe ich immer wieder gerne, weil sie einen großen Anteil daran haben, dass ich mich in den neun Jahren beim KSC immer sehr wohl gefühlt habe.

Nach dem Bundesligaabstieg 2009 ging es beim KSC meistens turbulent zu. Gerade die unglückliche Präsidentschaft Paul Metzgers hat viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Wie hast Du das wahrgenommen?

Rothenbach: Dass in einen Verein nach einem Abstieg etwas Unruhe hineinkommt, ist verständlich. Mittlerweile scheint sich der KSC aber wieder gefangen zu haben und auf einem guten Weg zu sein.

Du bist jetzt fast 12 Jahre im Profigeschäft – die meiste Zeit davon hast Du in der 2. Bundesliga verbracht. Was hat sich verändert?

Rothenbach: Die Vereine und Mannschaften sind viel professioneller geworden. In der 2. Bundesliga wird mittlerweile richtig guter Fußball gespielt. Am Anfang meiner Karriere war das eine richtige Klopperliga. Bei den meisten Vereinen sind die Ansprüche sehr gestiegen. Die Mannschaften, die unten drin stehen, versuchen zwar immer noch die Spiele zunächst zu zerstören, aber andererseits gibt es zehn Mannschaften, die nach oben schielen. Dementsprechend wird viel investiert.

Rippenbruch, Risswunde, Patellasehnenprobleme – Deine Verletzungen in den letzten Jahren waren meist langwierige Geschichten. Bist Du dabei ins Grübeln über die Zeit nach der Karriere gekommen?

Rothenbach: Körperlich bin ich noch fit. Das waren ja alles Verletzungen, die einen nicht von der Ausübung des Berufs abhalten. Ein Knorpel- oder Meniskusschaden ist in dem Zusammenhang sicherlich schlimmer als eine gebrochene Rippe. Ich will definitiv noch ein paar Jahre spielen. Über das Danach mache ich mir noch keine großen Gedanken.

Wir wünschen Dir alles erdenklich Gute und sagen Danke für das Interview.

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