Tatort Stadion München

Die Finissage dieser sehenswerten Ausstellung am kommenden Freitag ist mehr als nur ein guter Tip für alle Karlsruher Auswärtsfahrer

\ Nicht nur allen Reisenden, die das kommende KSC-Auswärtsspiel beim TSV 1860 München zu einem langen Wochenende nutzen, empfehlen wir vor dem ersten Gang ins Stadion an der Schleissheimer Straße oder einen Bierkeller noch etwas Nachdenklichkeit. Denn am Freitag endet in München (Farbenladen links neben dem Feierwerk, Hansastraße 31 / Nähe U- und S-Bahnhof Heimeransplatz) die sehr empfehlenswerte Ausstellung Tatort Stadion 2. …

Dort kann ab 19 Uhr beim Abschlussfest nebenan im Hansa39 nicht nur ein gutes Bier getrunken und mit den Bands „Die Vorstadtkönige“ und „KuA“ gefeiert, sondern auch noch ein letzter Blick auf die Exponate und Schautafeln geworfen werden.

Hartnäckige Diskriminierungen

Die Schau wurde ursprünglich 2001 vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) entwickelt und ist seitdem an fast zweihundert Orten gezeigt worden. Die Ausstellung leistete Pionierarbeit, indem sie Diskriminierung beim Fußball thematisierte. Trotz zahlreicher Verbesserungen finden in den Stadien rassistische oder homophobe Beschimpfungen allerdings noch immer ihre Heimat. Die von München aus nach Babelsberg weiterziehende Arbeit wurde inzwischen komplett überarbeitet und informiert nicht nur über alltägliche Diskriminierung und Aktivitäten von Neonazis, sondern auch darüber, was Fans dagegen tun.

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Tatort Stadion München
Tatort Stadion München
Tatort Stadion München
Tatort Stadion München
Tatort Stadion München
Tatort Stadion München

Bürger Fußballfan?

Am gestrigen Dienstag kam es im Rahmen der Ausstellung zur Podiumsdiskussion „Bürgerrechte auch für Fußballfans?“. Der als Murgtäler schon seit Jugendtagen dem KSC verfallene und heute wieder in Karlsruhe lebende Journalist Christoph Ruf moderierte diesen Abend. Anschließend sprachen wir mit ihm:

Christoph, wie wichtig war diese Ausstellung vor zehn Jahren – und wie wichtig ist sie heute?
Ruf: Zu ihrem Beginn war sie von der Öffentlichkeit weitaus aufmerksamer begleitet worden als heute, da die Ausmaße von Diskriminierung und Rassismus medial noch nicht derart präsent waren. Und sie war notwendig, gerade hinsichtlich skandalöser Positionen wie derer des damaligen DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder.

Heute geht es darum, ein Bewusstsein für die subtileren Formen von Ausgrenzungen zu schaffen. Rechte und deren Gedankengut erkennt man nicht mehr so leicht wie damals. Die Ausstellungsmacher haben zum Beispiel bei Führungen durch „Tatort Stadion“ die Erfahrung gemacht, dass Schüler und vor allem Lehrer über Szene-Codes wie „88“ nicht bescheid wissen.
Darüber war ich trotz allem doch sehr verwundert.

Bundesliga und DFL sind hiervon im Zuge von Professionalisierung und Kommerzialisierung nicht mehr so sehr betroffen wie die unteren Ligen unter dem Dach des DFB.
Ruf: Natürlich, die DFL ist fein raus und verweist auf die DFB-Regionalverbände. Gerade der Sächsische Fußballverband glänzt mit Dilettantismus – zuerst hat er die Probleme jahrelang geleugnet, um dann auch noch falsch damit umzugehen. Er ist ein Beispiel dafür, dass der Fisch vom Kopf her stinkt. Ein positives Gegenbeispiel ist hingegen der Berliner Fußball-Verband. Dort weiß man, was in den Stadtteilen los ist und dass Verharmlosung nichts bringt.

Wie sieht es in unserer Region aus?
Ruf: Sicherlich besser als in manchen sächsischen Dörfern, da hier der Rechtsextremismus nicht so gesellschaftsfähig ist. Aber andererseits kann ich mich an (einen) den diesjährigen Karlsruher Fastnachtsumzug erinnern, bei dem mein Sohn plötzlich einen Flyer des örtlichen NPD-Kandidaten in der Hand hielt. Auf diesem prahlte er damit, bei Pforzheim eine Jugendmannschaft zu trainieren, was dort sicher auch bekannt ist. Und Thor-Steinar-Klamotten sind auch im Südwesten längst nicht so geächtet wie oft behauptet wird – auch wenn mir klar ist, dass in Ausnahmefällen da mal jemand drinsteckt, der nicht weiß, wohin seine Kohle fließt.

Ist generell aber nicht dennoch ein Stück Normalität eingekehrt?
Ruf: Fußball ist ein Mannschaftssport. Und gerade in den Jugendmannschaften ist es längst Normalität, dass sie sich aus vielen Nationalitäten zusammensetzen. Ob die jetzt aus Afrika oder dem ehemaligen Jugoslawien kommen, spielt keine Rolle mehr.

Im Nachkriegsdeutschland war dies sicher noch anders und war ein Schwarzer bis in die achtziger, neunziger Jahre ein Exot, der ähnlich kritisch angeschaut wurde wie ein Schwarzer noch heute in Schwedt oder Frankfurt an der Oder.

Würdest Du der Einschätzung zustimmen, dass Ausländer in den Fan-Kurven in Anbetracht ihres Bevölkerungsanteils deutlich unterrepräsentiert sind?
Ruf: Das stimmt absolut. Ich warte noch immer auf einen Sozialwissenschaftler, der Fußballfan ist und sich mit dieser Frage einmal zu beschäftigen beginnt. Ich habe viele Jahre in einem multikulturellen Stadtteil wie St. Pauli gelebt – und selbst dort fanden sich kaum Leute mit Migrationshintergrund im Stadion. Auch hier in Karlsruhe sieht man Jugendliche in der Regel noch immer oft in einem Trikot von Hayduk Split oder Fenerbahçe durch die Straße rennen, auch wenn viele inzwischen auch zum KSC gehen.

Gutes Stichwort! Was ist in der neuen Saison für uns drin?
Ruf: Vom ersten Heimspiel war ich sehr überrascht, das hat mir gefallen! Zumal ich den Stil vom MSV nicht mag und ich mich immer über Siege von Mannschaften freue, die Fußball spielen. Und das tat der KSC. Wenn es Rainer Scharinger gelingt, den Ball flach zu halten und sich und seine Jungs von überzogenen Erwartungen nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen, dann wäre ein Mittelfeldplatz ein großer Erfolg. Was ich am Samstag gesehen habe, bestärkt mich in der Sympathie für diesen Mann.

Du kennst die Fußballplätze und Stadien der Region – wo fühlst Du Dich am wohlsten?
Ruf: Auch auf die Gefahr hin, an dieser Stelle zensiert zu werden: Ich empfinde nach wie vor jedes Flutlichtspiel auf dem Betzenberg als ein Erlebnis. Aber ansonsten genieße ich jedes Fußballspiel im Wildpark, weil mich seit meiner Jugend mit diesem Stadion so viel verbindet. Das ist ja der Luxus, wenn man vom Fan zum Journalisten mutiert: Dass man in Fürth UND in Nürnberg Fußball schauen kann. UND dass es einem in Lautern und beim KSC gefallen kann, also überall, wo es nicht so keimfrei ist wie in der Allianz-Arena.

Deshalb muss ich unbedingt auch mal wieder ans Böllenfalltor. Und zu den Stuttgarter Kickers. Fährst Du mit?

Klar!

Text: M.Dreisigacker \ Fotos: C.Pfefferle

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