Die Rheinpfalz-Kolumne « An der Seitenlinie » 4.4.2011

\ In der vergangenen Woche sorgte eine Mahnwache von Atomkraftgegnern auf dem Vereinsgelände des 1.FC Nürnberg für überregionale Aufmerksamkeit. Dass sich die Aktivisten nun ausgerechnet am Valznerweiher zusammenrotteten, lag hierbei nicht an der bislang strahlenden Punktebilanz der Cluberer in dieser Saison, sondern an deren Hauptsponsor „Areva“, einem deutsch-französischen Kerntechnikunternehmen mit Weltmarktführerprofil. …

Mit der Lieferung hochgefährlicher und umstrittener Brennelemente für einen der havarierten Reaktoren im Fukushima ist das Unternehmen nicht nur ganz unmittelbar am japanischen Desaster beteiligt, sondern auch bei dessen Beseitigung. Denn Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy brachte bei seiner Tour nach Japan auch einige Areva-Ingenieure mit, die bei der Beseitigung radioaktiven Wassers helfen werden. Das ist praktisch, da man auf diese Weise mit einem Unglück auch noch Sympathiepunkte sammeln kann.

Metzger- und Installateursbutzen sind überfordert

Dass der Fußball seit jeher anfällig ist, sich bei seiner kreativen Finanzierung des allwöchentlichen Wahnsinns nur wenig zimperlich zu zeigen, ist bekannt. Längst aber geht es um Summen, die der örtliche Metzger- oder Sanitäranlagentycoon nicht mehr stemmen kann und sich die eingetragenen Vereine deshalb vielfach nach nationalen oder internationalen Geldgebern umschauen, bei denen der Unternehmenszweck fernab der regionalen Lebenswelten all der FCs und VfLs liegt. Egal ist hierbei, womit diese Konzerne ihr Geld verdienen. Hauptsache, die Maschine läuft wie zum Beispiel auf Schalke, wo der Spielbetrieb vor allem vom übel beleumundeten russischen Staatskonzern Gazprom aufrecht erhalten wird.

Geld stinkt nicht

Generell waren und sind Fußballvereine für Energieunternehmen wichtige Imageträger, während dessen sie die Kunden – die sich stolz die neuesten Vereinstrikots kaufen und dann mit dem Firmenlogo als wandelnde Litfasssäule umherlaufen – mit ebenso naturgegebenen wie vorgeblich unvermeidlichen Tariferhöhungen drangsalieren und deren Produktgewinnung gar nicht schmutzig genug sein kann. Aber auch intern wie extern humorlos agierende Discounter sind inzwischen auf Fußballerbrüsten zu finden, siehe Cottbus („Penny“) und Bochum („Netto“). Egal, ganz traditionell riecht es im Stadion eben noch immer nach Schweiß, Bier und Bratwurst. Der Duft des Geldes fällt somit nicht weiter auf, denn das stinkt ja bekanntlich auch nach Tausenden von Jahren noch nicht.

Harmlos ist nicht unmöglich

Aber es geht auch anders. Denn rund um Karlsruhe beflocken sich die Spitzenvereine der Region ihre Jerseys teilweise rührend naiv. Der FCK wirbt mit Beinpflegemitteln („Allgäuer Latschenkiefer“), die in der Regel auch gerne im Badezimmerschränkchen der Großeltern von KSC-Fans stehen. Freiburg wiederum hat sich mit „Ehrmann“ den KSC-Kult-Joghurt aus seligen Europapokalzeiten geschnappt und der VfB Stuttgart den alten Kickers-Unterstützer „Gazi“ (Mediterrane Milchprodukte und Spezialitäten) von sich überzeugen können. Und die TSG Hoffenheim wirbt mit der Springer-Postille „TV Digital“, was den Kraichgauern in der allgemeinen Berichterstattung von Blättern dieses Hauses zwar sicher nicht zum Schaden gereicht, moralisch aber nicht außergewöhnlich dramatisch ist.

Viele Jahre hatte der KSC Glück

Der KSC opfert seit 1974 die blanke Brust, um sich die stets klamme Kasse mit Mark und Euro aufzubessern, und hatte mit seinen Partnern lange Jahre viel Glück. Es begann mit den „Karlsruher Versicherungen“, ehe von 1978 bis ’81 die Autovermietung „Hettel“, der Feuerzeug- und Kugelschreiber-Multi „BIC“ (’81 bis ’83), die hiesige Brauerei „Moninger“ (’83 bis ’85) und nach einem halbjährigen Intermezzo frühen Stadtmarketings (’85) die Bau- und Immobiliengesellschaft „SÜBA“ (’86 bis ’89) folgten. Der Bekleidungshersteller „Trigema“ (’89 bis ’91) machte schließlich Platz für den besagten Joghurthersteller Ehrmann, der bis zum elendigen Abstieg von 1998 auf den KSC-Trikots Präsenz zeigte. Von 1998 bis 2000 ging es mit „Becker Autoradios“ abwärts, ehe bis 2004 wieder die „Karlsruher Versicherungen“ einsprangen. Diese imposante Liste von Geldgebern, mit denen bis dahin wohl auch der letzte Gutmensch noch einigermaßen leben konnte, setzte von 2004 bis ’10 schließlich die EnBW fort. Bis auf deren Hineinpumpen von Werbemillionen in den Sport gab es schon immer kaum einen Grund, diesen Konzern sympathisch zu finden, sodass der Einstieg des mittelständischen Markisenhersteller „Klaiber“ aus Forst im letzten Sommer von reichlich Wohlwollen begleitet werden durfte.

Kinder werden gedankenlos mißbraucht

Aber sehr hartnäckig darf der heutige Co-Sponsor EnBW zu Heimspielen noch immer kleine kostenlose Fähnchen unters Wildparkvolk werfen, auf denen das KSC-Wappen zwar gerne zur Marginalie verkommt, diese anschließend aber dennoch wie wild und begeistert geschwenkt und herumgetragen werden. Gerade bei kleinen Kindern ist zu beobachten, dass sie mit den Fahnen auch noch in den Folgewochen und -monaten stolz ins Stadion marschieren. Der Vater jedenfalls wird sich darüber freuen, spart er somit doch den Kauf eines werbefreien Vereinsproduktes.

Über den Tellerrand hinaus

Am vergangenen Freitag zum Heimspiel gegen Osnabrück gab es nun erneut so eine Aktion, sie hieß „Flagge zeigen für den KSC“ – und natürlich für die seit Wochen arg gebeutelte EnBW. Stadionsprecher Martin Wacker trug sogar ein Kapuzenshirt mit dem Logo der Aktion. Seltsamerweise allerdings ohne dem der EnBW. Ein Zufall? Wohl kaum, da Wacker als ein politisch und gesellschaftlich eher kritischer Geist gilt, der sich öffentlich eher mit einem großen „Atomkraft-Nein-Danke-Aufnäher“ zeigen würde. Die KSC-Fans hingegen haben diese Freiheit nicht, wenn sie sich mit einem originalen Klubtrikot schmücken wollen, sodass die EnBW nach den diversen Trikot-Ramschverkäufen der letzten Jahre im Stadion noch immer omnipräsent ist. Grundsätzlich wäre es daher ein bemerkenswertes Zeichen, wenn der Zuschauer damit begänne, über den Tellerrand des aktuellen Tabellenstandes hinauszublicken und sich mit den aufdringlich-subtilen Begleiterscheinungen eines Fußballgeschäfts auseinander setzte, die den Preis des sportlichen Erfolgs in ethisch unanständige Höhen treiben. Klar – ohne Sponsoren geht es nicht. Aber man muss nicht um jeden dankbar sein.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


2 Antworten zu “„’S koschdet jo nix“
— KSC-Fans winken für die Atomkraft”
  1. Bernd Hirsch sagt:

    Mit dem Einstellen der neuesten Kolumne hat es zwar ein wenig gedauert, dafür hat sich das Warten aber auch einmal mehr gelohnt. Denn bei allem Hadern über und manchmal schon fast Verzweifeln am KSC sollten die hier angesprochenen Aspekte in der Tat nicht komplett aus dem Blickfeld geraten. Wobei man sich natürlich fragen könnte, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Image eines Clubs und der Investitionsbereitschaft bestimmter Sposoren gibt. Und falls ja, welche Rückschlüsse lassen die bisherigen Haupt-Geldgeber auf die Außenwahrnehmung des KSC zu?

  2. Christoph Laade sagt:

    Bester Herr Dreisigacker,

    schön dass es noch Stimmen wie die ihre gibt. Wenn man genetisch auf einen Club gepinnt ist, wie die meisten treuen Fans, tut es schon weh, wenn man ständig von einem urweltlich eingestellten Sponsoren wie EnBW belästigt wird. Viel Schlimmer ist ja, das viele Leute gar dankbar sind, wenn eine Unternehmensleitung im Jahr ein paar Almosen für einen Verein abdrückt, deren Höhe kaum den Monatssatz der Bezüge eines Vorstandsmitgliedes erreicht. Wohl gemerkt Geld das alle für überhöhte Strompreise ja eh schon ausgegeben haben.

    Nun gut, unverhofft gibt es ja bezüglich ENBW gleich doppelt Hoffnung, das sich nun alles zum Besseren wendet.

    Das verleitet mich direkt zum Träumen: Demnächst wird der KSC vom neuerstanden Badenwerk (mit vielen kleinen Eignern) gesponsort, das sich ganz der Energieerzeugung aus zukunftgewandter erneuerbarer Energie widmet.

    Grüße aus dem Atommülldorf Ahaus

    Christoph

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