Die Rheinpfalz-Kolumne « An der Seitenlinie » 7.3.2011

\ Es dürfte selten sein, dass ein derart später und unglücklicher Ausgleichstreffer wie am Samstagnachmittag in Bochum die unendliche Erleichterung der Betroffenen dennoch nicht verhinderte. Und so konnte man nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz einen jungenhaft aufgekratzten Rainer Scharinger erleben, dessen Euphorie auf die Mannschaft ansteckend wirken dürfte. Die Spieler haben in ihm nun schon den vierten Vorgesetzten der Saison vor sich stehen, der alles richten und sie zu einer harmonischen und erfolgreichen zusammenfügen soll. Oberflächlich betrachtet scheint der Einstand Scharingers gelungen zu sein, da man immerhin einen Aufstiegs­kandidaten am Rand einer Heimniederlage hatte. …

Symptomatisch für die Saison war dann letztlich der Ausgleich. Einerseits das nicht notwendige Foul Matthias Langkamps, der u.a. noch immer Zweikämpfe bevorzugt am Boden zu gewinnen sucht und hierdurch zum Auslösen von mittel- und unmittelbaren Gefahrensituationen neigt. Und andererseits der fatale Mut Aduobes, den Freistoß ebenso unnötig wie übermotiviert mit dem Kopf abwehren zu wollen. Unvermögen gepaart mit Pech, und wieder waren zwei Punkte verloren. Nun hat die Mannschaft in dieser Saison schon mehre Signale senden können, dass sie sich dem Wettbewerb erfolgreich stellen könnte. Allerdings fehlte ihr gerade auch die Konstanz, dies im Folgeverlauf zu bestätigen. Von einer Wende darf daher noch nicht sprechen, sondern allenfalls darauf hoffen.

Man duzt sich wieder

Gegenüber seinem Vorgänger Uwe Rapolder hat Scharinger zumindest den Vorteil, dass ihm nicht jene persönliche Skepsis begegnen wird, die den Unterländer letztlich scheitern ließ. Schon bei Scharingers Vorstellung am vergangenen Mittwoch war auf der Pressekonferenz jener vertraute Duzkomment zu vernehmen, wie er noch aus Edmund Beckers Zeiten bekannt ist. Auf diesem Miteinander kann er aufbauen und wird es ihm so schnell nicht passieren, dass Mannschaftsinterna oder allgemeine Unzufriedenheiten öffentlich gegen ihn instrumentalisiert werden können. Dass Rapolder abseits seines eigentlichen Tätigkeitsprofils Gründe für eine Trennung bot, mag den KSC-Verantwortlichen – auch wenn sie es sich und anderen nie zugestehen würden – wie eine glückliche Fügung vorgekommen sein. Denn sportlich wie atmosphärisch waren die positiven Effekte des Trainerwechsels aus dem Spätherbst längst schwächer geworden und substantielle Ent­wicklungen kaum mehr zu erkennen gewesen. Natürlich ist man hinterher klüger und war ein Fachmann wie Rapolder mehr als nur ein Versuch gewesen. Doch wie es in dieser Jahreszeit nun einmal so ist – die Tage werden länger, doch die Liste der verbleibenden Spiele immer kürzer. Um so häufiger wird daher das „Miteinander“ bemüht, das den Verein durch diese schwierige Phase bringen soll.

Gemeinsam gegen den Abstieg

Dieser Gedanke ist beim KSC in den vergangene Monaten immer wieder betont worden. Und auch bei der Präsentation des Neuen wurde dieser Zusammenhalt vom Podium wiedergeholt eingefordert. Wobei sich inzwischen das Floskelhafte jenes Appells nicht mehr übersehen lässt – denn im Stadion befindet sich heutzutage offenbar nur noch im Erfolgsfall jene schicksalhaft verbundene Gemeinschaft, die die Popularität des Fußballs und seiner Vereine im besten Sinne jahrzehntelang trug. Je mehr die Spieler durch die Professionalisierung des Sports aus dem gemeinsam geteilten Umfeld und Arbeitsalltag des Fans entschwunden sind, desto selbstverständ­licher und unbarmherziger werden von ihnen geradezu surreale Loyalitäten und Funktionsweisen vorausgesetzt. Die Klubs wiederum begegnen diesen Entfremdungen ebenso unterschiedlich wie hilflos. In Kaiserslautern scharen sich Mitspieler und Offizielle beherzt um Srđan Lakić, den un­geschickte Begleitumstände bei seinem anstehenden Vereinswechsel sowie ein zum ungüns­tigsten Zeitpunkt auftauchendes Schusspech zum Opfer eines Mobs machen, der jegliches Gespür für die Zusammenhänge und Notwendigkeiten des modernen Fußballs verloren zu haben scheint. Beim KSC wiederum fehlt dieser gemeinsame Schulterschluss nach außen völlig. Spieler wie Federico, Engelhardt, Tarvajärvi, Chrisantus, Matthias Langkamp oder Timm wurden und werden bisweilen schon beim Warmlaufen ausgepfiffen, ohne dass hierauf von Vereinsseite in wahrnehmbarer Form reagiert wird. Mit dem routinierten und formelhaften Wiederholen von Phrasen ist es jedenfalls nicht getan, eine „KSC-Familie“ herbeikonstruieren zu wollen, die es so nicht mehr gibt. Vielleicht sollte man sich einmal die Autorität und Popularität von Stadionsprecher Martin Wacker zu Nutze machen und ihn dieses Thema vor den Heimspielen gezielt ansprechen lassen. Es wäre momentan auf jeden Fall hilfreicher als die „drei geilsten Buchstaben im deutschen Fußball“ zu betonen. Ebenso positiv wäre auch ein gemeinsames Signal der Mannschaft. Hilflose Gedanken? Vielleicht. Aber man muss sie sich zumindest machen wollen.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


Eine Antwort zu “Ein Neunanfang, der Hoffnung macht!”
  1. Charlie sagt:

    Matthias, nie waren wir so einer Meinung, wie in diesem Artikel! Bravo!!! Mehr hab ich dazu nicht zu sagen!!!

  2.  
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