Die Rheinpfalz-Kolumne vom 6. April 2010
Nein – weder war ich in Berlin, noch habe ich mir das KSC-Spiel bei Union live im Fernsehen angeschaut. Statt dessen ging ich ins Ruder-Training. Der körperliche Verfall schreitet unaufhaltsam voran, wobei ich ihm nicht wehrlos gegenüber stehen möchte. Also ließ sich mein temporärer Leidenschaftsentzug für den KSC prächtig mit dem nützlich-angenehmen verbinden. Nach der mehrstündigen Pein zog ich mit dem Fahrrad von dannen und sah am Straßenrand ein Auto stehen, dessen Fahrer sich konzentriert der Schlußkonferenz im Radio widmete. Schalke gegen Bayern, ein wichtiges Spiel für Fußball-Deutschland. Dennoch erlaubte ich mir die höfliche Nachfrage, wie denn der KSC gespielt habe. Die Reaktion war ernüchternd. Kurz auflachend antwortete er, das wisse er nicht, und das Ergebnis würde in der Sendung auch bestimmt nicht durchgesagt werden. Und daß es ihn generell überhaupt nicht interessiere, mag er nur deshalb nicht nachgeschoben haben, weil er sich so schnell als möglich wieder dem Treiben in Gelsenkirchen hingeben wollte. „Na warte“, dachte ich beim Weggehen, „Dich sehe ich jetzt schon vor mir, wie Du nach dem nächsten Bundesligaaufstieg des KSC in einer 600-Meter-Schlange vor der Geschäftsstelle um eine Karte für Spiel gegen Bayern anstehen wirst.“ Und natürlich malte ich mir im Geiste aus, der KSC-Kartenschalter-Meisterin Uschi Ötzel in jenem Moment einen Knuff in die Seite zu geben, wenn nach 6 Stunden im strömenden Regen dessen Gesicht vor ihrer Glasscheibe auftauchen und sie wie von mir zuvor instruiert die Worte sagen würde: „Ätsche-bätsch, ausverkauft!“
Keine Elite, sondern Sektierer
Wobei, wenn die richtigen Fans davon hörten, daß mich das Schicksal des KSC vom vergangenen Samstag denn so überhaupt nicht interessiert habe, dann stellten sie mich im Geiste bestimmt in eben jene Schlange der Erfolgs- und Schönwetter-Fans, wie ich soeben den ignoranten Radiohörer. Zu den „richtigen“ Fans zählen hierbei laut Selbstverständnis im besonderen die Ultras. Sie gelten als die Hundertprozentigen des Fußballs, die für ihre Mannschaft jederzeit alles zu geben bereit sind. Und wie man spätestens durch die bekannten Ereignisse aus den vergangenen Wochen bemerken konnte, sogar mehr als das. Wie stets, wenn sich Gruppen zu sehr einer – der einen! – Idee unterordnen, geht hierbei oftmals jedes Maß verloren und entgleitet das eingebildete Elitebewußtsein in ein Sektierertum, das den Außenstehenden frösteln läßt. Unbenommen ist, daß der Fußball die unterschiedlichsten Leidenschaften und Emotionen ausleben läßt und zu Überidentifikationen geradezu einlädt. Das war so und wird hoffentlich auch immer so bleiben. Denn ohne diese oftmals grotesken Gefühlswallungen wäre er nur ein Sport unter vielen. Und genügte für ein Spiel Schalke gegen Bayern keine Arena, sondern der Sportplatz von Alemannia Eggenstein.
Es sieht albern aus
Dennoch – oder gerade deshalb – sollte man sich in den deutschen Fan-Blöcken nicht so wichtig nehmen. Das Wohl und Wehe des sportlichen Ausgangs hängt gewiß nicht mit dem ermüdend eintönigen Singsang zusammen, der sich als spannungslose Dauerbeschallung über Rest-Publikum und Mannschaften entlädt. Gleiches gilt für das permanente Schwenken oder Hochalten von Fahnen und Doppelhaltern, die hinzukommend anderen auch noch die Sicht nehmen. Mit Verlaub, es sieht auch albern saus. In einer ruhigen Minute und im Vertrauen beiseite genommen sagt Ihnen jeder Spieler, daß er diesen „Support“ nur wenig wahrnimmt und er auf seine Einsatzbereitschaft keinerlei Einfluß ausübt. Dies bedeutet natürlich nicht, daß die Unterstützung von den Rängen, und zwar gerade auch von den Ultras, überflüssig sei. Sie ist wichtig und darf in all ihrer Leidenschaft nicht mehr fehlen. Aber man sollte eben daran denken, daß ein Stadion auch vorher schon kein Ort der Friedhofsruhe war und es künftig ohne die Ultras auch nie werden würde.
Der Tunnelblick
Unangenehm ist für alle Fußballfans zudem, daß man sich als Anhänger zweiter Klasse fühlen muß, nur weil man seiner Mannschaft nicht bedingungslos folgt und über die Fähigkeit verfügt, Spiel und Zustandekommen des Ergebnisses für sich besser reflektieren zu können. Kein Verein, keine Institution hat eine solch naive und in der Substanz kritiklose Hingabe verdient. Selbst hinsichtlich Religion, Politik und Bundeswehr hat unsere Gesellschaft diese Übereinkunft längst erzielt. Wohin ein ideologischer Tunnelblick führen kann, läßt sich oberflächlich verallgemeinernd mit den Auto-Abfacklern von Berlin oder rechtsextremen Organisationen oder Einzelpersonen veranschaulichen. Und wird es Zeit, daß man dies auch auf Gegengeraden und in Kurven versteht. „Jungs, kommt einfach mal wieder ein bißchen runter“ – Ihr seid wie viele andere auch nur ein Teil des Spiels und dieses Vereins. KSCler gibt es viele und in vielen Facetten. Und sage keiner, daß der eine mehr wert sei als der andere.
Okay, eine Ausnahme gibt es: Den ignoranten Radiohörer vom Samstag.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.



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Tja, selbst Sport-machen (rudern) ist allemal besser als zugucken. Mit “mehrstündiger Pein” hat Herr Dreißigacker auch sicherlich nicht das Rudertraining gemeint, sondern das Treiben im Wildparkstadion, nicht wahr???
ich kann auch kaum noch hinschauen, so langweilig sind die geworden. selbst im abstiegskampf keine spannung mehr. und das schlimmste ist diese perspektivlosigkeit. wir haben zuviele alte säcke mit pensionsverträgen im team, so dass die jungen entweder möglichst schnell abhauen oder besser erst gar nicht kommen…
manchmal überlege ich, ob ein abstieg in liga drei die pensionsverträge platzn lassen würde und für eine radikale erneuerung besser wäre… mir gehts gar nicht ums permanente gewinnen, aber ich würde eine motivierte junge mannschaft mit spielern aus der badischen region dem aktuellen elend vorziehen – auch in liga drei.
ich habe das spiel in berlin gesehen. es war gar nix!
http://www.ka-news.de/fussball/ksc/ksc-news/KSC-geht-mit-gutem-Gefuehl-in-Endspiel;art7581,385586
hallo,
wer dieses video schaut, weiß danach wie es um den ksc bestellt ist… schlimmer gehts nimmer!
Mein Gedanke: Willkommen zur “Kurt Georg Kiesinger” Gedächtniskonferenz beim KSC.
Nun, ein waschechter Redner wird Markus Schupp in diesem leben wohl nicht mehr. Ich gäb was dafür, Arnold Trentls Gedanken lesen zu können. *G*
Wenigstens bekommt er am Spielfeldrand deutlich mehr und öfter die Zähne auseinander. Sehen wir es mal so: Nix gschwätzt isch gnug globt….