Karlsruhe wird zum Katastrophengebiet
Geschrieben von Matthias Dreisigacker in Kolumnen - 203 KlicksDie Rheinpfalz-Kolumne vom 15. Februar 2010
Nein, ich war am Samstag nicht im Stadion. Kränkelnd saß ich zu Hause und verfolgte „not amused“ die Ereignisse im Wildparkstadion per Internet und Radio. Zeugen berichteten mir hernach nichts, das meine negativen Eindrücke abgeschwächt hätte. Vor kurzem war von KSC-Fans zu lesen und zu hören, daß sie mit den Worten des Sportdirektors Arnold Trentl, der KSC befände sich in einer Übergangssaison, überhaupt nicht einverstanden seien. Nun, vielleicht haben die jüngsten Leistungen und Ergebnisse denjenigen die Erkenntnis gebracht, daß es im Fußball nicht weiterführt, Wunsch und Realität nicht von einander trennen zu können, oder besser gesagt, zu wollen. Die eigentlichen Leistungsträger waren und sind verletzt oder außer Form, und die jungen Leute können nicht alles richten. Jetzt ist auf allen Seiten Geduld gefragt. Natürlich nährten sporadisch aufflackernde Leistungsschübe die Hoffnung, daß doch noch alles gut werden könnte. Aber bei Nüchternheit besehen reiht sich der Verein in seiner gesamten Mittelmäßigkeit in das Bild jener Stadt ein, in der er seine Heimat hat. Was den einen der Wahn von der ewigen Zugehörigkeit zur Bundesliga ist, ist den anderen die Kombi-Lösung. Es würde nicht wundern, wenn in den nächsten Wochen die aus Katastrophengebieten bekannten Elendszüge zu beobachten wären, die diese erbärmliche Trümmerlandschaft nur noch verlassen wollen. In der Pfalz sollte man sich am besten sofort um geeignete Notunterkünfte bemühen, oder alternativ die Vollsperrung, besser noch Sprengung der Rheinbrücken vorbereiten.
Dorfdeppen und Trottel
Ein Freund schrieb mir gestern Abend noch eine E-Mail. Offenbar unter Schock des nachmittäglichen Geschehens stehend teilte er mir seine ganze Traurigkeit mit. Seine Endzeitstimmung gesteigert hatte offenbar eine Nachricht, die er zuvor von einem im Ausland weilenden Freund und FCK-Fan erhalten hatte. Jener hatte seine Eindrücke, so schnoddrig wie in Mails üblich, wie folgend formuliert: „Ich gucke grad KSC-Cottbus und amüsiere mich über die Karlsruher Verantwortlichen, die aufgrund der Schneeballschmeißerei alle in der Halbzeit interviewt werden. Das sind ja echt alles totale Dorfdeppen. Eben hatten sie diesen Präsidenten, wie der geredet hat. Und davor einen, der mich an den Trottel bei unserem Verein erinnert hat, der immer mit dem Eiskoffer über den Platz gelaufen kam, wenn sich einer verletzt hatte, und die Trikots gewaschen hat. Dazu noch diese tollen Ultra-Fans – meine Sympathien für den KSC sind nicht gerade gestiegen in den letzten 60 Minuten.“ Fürwahr harte Worte, noch brutaler als ein Schuß von Kalli Struth. In Sinn und Ausdruck teile ich sie nicht, zumal der Beobachter wohl nur gesehen hat, was er denn sehen wollte. Aber dennoch ist es interessant, wie der KSC auf emotional Unbeteiligte denn so wirkt und was die negative Berichterstattung und Außenwirkung des Vereins in den vergangenen Monaten anrichten konnte. Es wird wichtig sein, daß der Trend der nächsten Wochen sowohl sportlich als auch organisatorisch nach oben zeigt.
Nicht mehr zum hingehen oder -schauen
Gottlob hat sich mein Freund nicht aus nächstgelegenen Fenster gestürzt, obwohl es für solch eine endgültige Maßnahme in der Menschheitsgeschichte wohl kaum jemals verständlichere Gründe gegeben haben mag, als die an ihn ergangene Bestandsaufnahme eines Lauterer Beobachters. Er selbst analysierte für sich, daß es wohl nur mit seinen Jugenderinnerungen zusammenhinge, daß er noch immer und trotz allem am KSC hängt. Angesichts der Selbstdemontage eines Vereins, der aufgrund seines Charmes und seiner Geschichte eigentlich leicht zu einer Kult-Marke auszubauen wäre, ist dies ein zutiefst resignierendes Fazit. Doch es hilft alles nichts, es ging „da draußen“ schon des öfteren derart unleidlich zu, daß man am liebsten gar nicht mehr hingegangen wäre oder gar zugeschaut hätte. Am Mittwoch wartet im Nachholspiel der TSV 1860 München. Bis dahin bin ich bestimmt wieder soweit gesundet, daß ich mich auf den Weg in den Wildpark machen werde. Hoffentlich werde ich nicht der einzige sein.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.





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