Es war am 1. März des vergangenen Jahres: Spätestens als auf dem Adenauerring in Höhe der Gegengeraden neben Feuerwerkskörpern auch noch ortsfremde Objekte wie ein Barhocker durch die Luft flogen, wurde deutlich, daß etwas gänzlich schief gegangen war. Wenige Minuten zuvor war das Bundesligaspiel des Karlsruher SC gegen den VfB Stuttgart, das die Badener mit 0:2 verloren hatten, abgepfiffen worden und gingen Teile der jeweiligen Anhängerschaft nun in eine lebhafte Verlängerung. Die Sicherheitskräfte hatten hierbei erhebliche Mühe, die rücksichtslos geführten Ausschreitungen zu beenden und gerieten in der Hitze des Gefechts sogar handgreiflich mit unbeteiligten Zuschauern aneinander, die ob der chaotischen Situation weder nach vorne oder hinten ausweichen konnten.

Gegenseitige Provokationen

Als Hauptursache solch unübersichtlicher Gemengelagen gilt die schon seit Jahren unbefriedigende Situation, daß die Busse der Gästefans mangels Alternativen auf dem nur über den Adenauerring zu erreichenden Birkenparkplatz abgestellt werden müssen und somit die Fan-Ströme der Auswärtigen regelmäßig mit dem abfließenden PKW- und Fußgängerverkehr in Richtung Durlacher Tor kollidieren. Dieses Kreuzen der Fan-Gruppen verursacht oftmals Streß und Ärger, da gegenseitige Provokationen nicht ausbleiben oder gar gezielt gesucht werden. Nach besagtem Derby war nun klar, daß es so nicht weitergehen könne und ging man im Polizeipräsidium Karlsruhe nur um so energischer eine alte Forderung an, um die Situation zu entspannen – die Verlegung des Parkraums für Gäste- und Shuttle-Busse auf den Vorplatz des Gästeeingangs. Zumal bis zum heutigen Zeitpunkt noch völlig offen ist, wann ein Umbau an alter Stelle oder die Errichtung einer neuen Arena an anderem Ort, verbunden mit einer ordentlichen Fan-Separierung, möglich sein wird. Nun werden in den nächsten Wochen einige Bäume weichen müssen und ein leichter Kies-Split-Belag angelegt. Die Zustimmung der städtischen Ämter ist erteilt und haben erste Arbeiten bereits begonnen. Am Ende werden dort zehn Reisebusse ihren Platz finden und die Shutlebusse der Gästefans, die mit Sonderzügen anreisen, in unmittelbarer Nähe zum Stadioneingang halten können. Damit wird ein direktes Aufeinandertreffen der Fangruppen künftig vermieden werden. Gut für die Polizei, die hierdurch davon ausgeht, mit weitaus weniger Einsatzkräften als bisher die Heimspiele des KSC begleiten zu müssen.

Kein schlüssiges Sicherheitskonzept

Zweifellos kann diese Maßnahme nur als eines der vielen Provisorien rund um das nun schon 55 Jahre alte Wildparkstadion gelten. Bei der damaligen Errichtung waren die heutigen Probleme noch nicht absehbar. Hierzu zählen nicht nur die Verkehrsentwicklung, sondern auch die gewaltig gestiegene Anzahl mitreisender Gästezuschauer. Das Phänomen einer gänzlich gewandelten Fan-Kultur hat die Anlage förmlich überrollt. „Dieser neue Busparkplatz reicht für ein schlüssiges Sicherheitskonzept nicht aus“, sagt daher Friedhelm Werle, der Beauftragte für Stadionsicherheit des KSC. In der Vergangenheit versuchte man öfters, mit Blocksperren das Abfluten der jeweiligen Fan-Gruppierungen zu ordnen. Werle beobachtete hierbei allerdings eher kontraproduktive Ergebnisse. Anstatt einer Beruhigung hatte diese Maßnahme oft das genaue Gegenteil erreicht und wurden die Leute nur noch gereizter, erinnert er sich.

Willkür ist problematisch

Einsatzleiter Fritz Rüffel von der Karlsruher Polizei teilt Werles Ansicht ob der Effizienz solcher Zwangsmaßnahmen und holt sogar noch weiter aus. „Was würden Sie sagen, wenn Sie willkürlich eingesperrt würden? Das ist rechtlich sehr problematisch“, stellt der Beamte fest. Denn entgegen den Verhältnissen in den neuen Stadien hat der Wildpark mit jeweils einem großen Sitz- und Stehplatzbereich für Gästefans nicht jene kompakteren Blöcke, mit denen man die aktiven Fans von Familien mit Kindern trennen könne. Und jenen könne man nicht vermitteln, jetzt doch bitte noch eine Dreiviertelstunde im Stadion bleiben zu müssen und somit nicht zu Auto oder Zug zu können.

Eine Eiche muß weichen

Den nun eingeleiteten Baumaßen waren in den vergangenen Monaten umfangreiche Untersuchungen vorausgegangen und auch ein Gutachten eingeholt. Denn das Stadion liegt in einem Landschaftsschutzgebiet und sind die periodisch wiederkehrenden Kämpfe von Stadt und Verein bekannt, wenn auch nur ein Baum im Wege steht und weichen soll. Dieses Mal ging aber soweit alles glatt – „wenn auch schweren Herzens“, wie Dietmar Schaber vom städtischen Tiefbauamt eingesteht. Nur um eine alte Eiche gab es ausführliche Diskussionen. Da die alte Dame jedoch ohnehin schon ihren Kampf gegen den natürlichen Verfall bald verloren und wegen Astbruchgefahr eine dauerhafte Gefahr für Fans und Polizei dargestellt hätte, mußte sie schließlich weichen. Schaber versichert: “Ihr Stamm wird demnächst an einen Platz im Hardtwald verbracht, wo Insekten und Mikroorganismen weiterexistieren können“.

Zu wenige Beamte

Mit Energie Cottbus, dem 1. FC Kaiserslautern und Hansa Rostock stehen Polizei und Verein in der Rückrunde noch drei Risikospiele ins Haus. Spätestens zum Auftritt der Lausitzer am 2. Februar-Wochenende sollen die Arbeiten daher abgeschlossen sein. Wobei die neuen Busparkplätze für die Fans der beiden Ostvereine zwar bestimmt, für die des FCK allerdings gewiß nicht ausreichen werden. „Der FCK ist eine andere Situation“, lacht Rüffel, obwohl ihm beim Gedanken an den 29. Februar der Sinn eigentlich nicht nach Heiterkeit steht. Denn die Fans der Pfälzer werden sich der schieren Masse wegen über das ganze Stadion verteilen und auch ihre An- und Abreisewege individuell gestalten. „So viele Beamte haben wir nicht, um alle Straßen und Wege von der Waldstadt bis zur Linkenheimer Landstraße zu überwachen, stöhnt er. Wobei der Betrachter hofft, daß zumindest in der Westentasche mitgeführte Barhocker auffallen werden.

3 Antworten zu “Ein neues Provisorium für ein altes Stadion”
  1. Der Sascha sagt:

    Den 29. Februar gibt es dieses Jahr nicht… ;-) *klugscheiss*

  2. Vielleicht merkts beim FCK ja keiner und das Spiel wird für uns wegen Nichtantritt der Lauterer 2:0 gewertet. *lol*

  3. mad sagt:

    cotbus sehe ich nicht grundsätzlich als “risikospiel”. es sei denn der vfbäh hat spielfrei und schickt ein paar “unterstützer”.

  4.  
Hinterlasse einen Kommentar

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>