Die Rheinpfalz-Kolumne vom 14. Dezember 2009
Am späten Freitagnachmittag wühlten die Freunde des Karlsruher Fußballs in ihrem Kleiderschrank, um erstmals in diesem Jahr das widerspruchslos unpopulärste Bekleidungsstück hervorzukramen, das die Menschheit zu bieten hat – die lange Unterhose. War diese Verzweiflungstat angesichts der naßkalten Witterung erwartbar, so überraschend kam dann ein für viele enttäuschender Spielverlauf, der dem KSC eine Niederlage bescheren sollte. Denn vor dem Spiel hörte man nur allzu oft an allen Ecken und Enden des Stadions ein euphorisches „wenn se heut g’winne, sind se widder dran!“, das klingender Ausdruck der Hoffnung auf eine sportliche Rettung dieser bislang so spröde verlaufenen Saison war. Daß es damit nichts wurde, ließ so manchen trotz der massiven textilen Aufrüstung bestimmt noch um einiges mehr frösteln. Auch den Damen auf der Geschäftsstelle wird in der Vorweihnachtszeit nicht mehr so richtig warm werden – heute startet der KSC den Verkauf seiner Rückrundendauerkarten und mit einem Massenansturm ist wahrlich nicht zu rechnen. Wundern würde es hierbei allerdings nicht, wenn die Mehrzahl der tatsächlich verkauften Billets über den Rhein wandern würde. Und zwar an FCK-Fans, die sich für den Rückrundenbesuch des souveränen Spitzenreiters im kleinen Wildpark auf jeden Fall einen Platz auf der Tribüne sichern möchten.
„Stindl, hau ab!“
Nach Aussagen von Freunden waren angesichts der trüben Ereignisse auf dem Rasen die wirklich bemerkenswerten Dinge des Abends mehr im Zuschauerbereich zu orten. So im Block A1. Unüberdacht, direkt an die Haupttribüne anschließend, versammelt sich dort in der Regel ein bizarres Völkchen und hatte nun am letzten Freitag ein Fußballfreund einen der wohl wenigen großen Auftritte seines Lebens. Nach Zeugenaussagen brüllte er ohne Unterlaß und in fast dreistelliger Wiederholung sein „Hau ab nach Hannover, Stindl, hau ab!“ in die kalte Herbstnacht, ehe der Ordnungsdienst endlich ein Einsehen hatte und die anderen, zusehends entnervt reagierenden Besucher erlöste. Wie der Schreihals den weiteren Abend verlebte, ist nicht bekannt. „Manchmal ist es im Stadion wie in einem Zoo – es gibt immer wieder exotische Dinge zu sehen“, meinte ein Bekannter – um anschließend mit glühweinaromatisiertem Hauch die These zu entwickeln, daß die für Werktage unsäglich frühe Terminierung von Fußballspielen auf 18 Uhr an solch alkoholbedingten Highlights die Hauptschuld trüge. Noch von der Arbeit unter Volldampf stehend, stürzten viele Zuschauer vor dem Spiel schnell zwei, drei Bier hinunter und würden dann eben geradezu zwangsläufig ausfallend. So etwas aber auch!
„Zeige Se die Kart’ grad nochemol her!“
Und weitere Beschwernisse werden dem KSC-Fan zugemutet, um die drögen Abläufe rund um den Besuch eines Fußballspiels unerwünscht abwechslungsreicher zu gestalten: Noch in der 80. Spielminute war zu beobachten, wie eifrige Ordner von Menschen, die drei Minuten zuvor an jenen vorbei- und die Treppen hinuntergegangen waren, nun mit mehreren gefüllten Bierbechern und Bratwürsten in der Hand dazu aufgefordert wurden, ihre Eintrittskarte doch bitte nochmals vorzuzeigen. Die abstrusesten Zustände jeglicher Art im Wildpark kennend und wie ein Gottesurteil hinnehmend, folgten die Betreffenden dieser Aufforderung auch tatsächlich, stellten ihre Lebensmittel brav auf dem Boden ab und kramten demütig nach ihrer Berechtigung, sich im Kreise der anderen 65.000 anwesenden Zuschauer im völlig überfüllten und seit Jahren restlos ausverkauften Stadion die letzten zehn Minuten des ewig jungen Schlagers Karlsruher SC gegen den MSV Duisburg auch noch ansehen zu dürfen. „Ich mache einfach meinen Job!“, lautete der lapidare Kommentar einer durchaus charmanten Endvierzigerin im Kontrollauftrag. Dies blieb unbestritten. Allerdings fragt man sich, wer den Ordnern solch lebensfremde und die zahlende Kundschaft einfach nur schikanierende Anweisungen gibt. Und kommt schließlich zu der Erkenntnis: So schlecht kann der KSC gar nicht Fußball spielen, um gegenüber so manchem Schreibtischtäter des Vereins nicht noch gut dazustehen. In jedem Fall sind diese aber eine noch entsetzlichere Plage als die kratzigste lange Unterhose der Welt. Und das will etwas heißen.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.





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