Die Rheinpfalz-Kolumne vom 28. Dezember 2009

Der von mir sehr geschätzte Kolumnist Harald Martenstein formulierte jüngst in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ folgende provokante These: „Die meisten Meinungen werden vertreten, weil es eh alle sagen, weil man sich davon einen Vorteil verspricht, weil man nicht unangenehm auffallen oder weil man einfach nur gemocht werden will, ein Grund so fragwürdig wie der andere.“ Hierfür Schwung geholt hatte er sich zuvor mit der Aufforderung, daß man sich eine „gut abgehangene Allerweltsthese, eine Meinung, der alle, die Sie kennen, beipflichten“ suchen und nun „mit großem Nachdruck das genaue Gegenteil davon“ vertreten solle. Martensteins anschließender Mutmacher – „haben Sie keine Angst davor, dass deswegen ein Krieg ausbricht, dies wird nicht passieren. Stellen Sie sich nicht die Frage, ob Sie das, was Sie vertreten, tatsächlich meinen. Das ist egal. Sie aber bringen die anderen wirklich zum Nachdenken. Sie bereichern die geistige Landschaft“ – ist schließlich ebenso tröstlich wie notwendig.

„Was ist denn bloß beim KSC los?“

Als eine in diesem Sinne „Bereicherung der geistigen Landschaft“ bedeutete es in Karlsruhe zur Zeit tatsächlich, ergriffe man für das KSC-Präsidium um Paul Metzger offen Partei. Denn, nur als Beispiel, Sie glauben ja nicht, was zur Zeit bei mir los ist! Biographiebedingt habe ich Spuren und Freunde in der gesamten Republik hinterlassen und lautete somit die zweite Frage bei den jahreszeitlich typischen Anrufen – nach dem konventionellen „Wie geht’s?“ – der Sorgen und Neugierde voll wie der Wanst nach dem weihnachtlichen Gänsebraten: „Sag mal, was ist denn bloß beim KSC gerade los?“ Nicht anders ging und geht es mir bei den täglichen Gängen durch die Stadt. Paul Metzger und „Konsorten“ sind das die Menschen allerorten umtreibende, beherrschende Thema dieser Stunden, Tage und Wochen. Endlich, endlich habe dieser „Kläpperlesverein“ einen Präsidenten  von jener Statur, der ihm voll und ganz zu entsprechen scheint. Paul Metzger sei im Guten und vor allem Schlechten der KSC. Metzger könne es nicht, Metzger sei schuld, Metzger müsse weg. Fast erwartet man, daß die Karlsruher ihre für die Unterschriftensammlung gegen die Kombi-Lösung zweckentfremdeten und gerade erst wieder eingelagerten Camping- und Tapeziertische wieder von Speicher und Keller holen wollten, um für die Ablösung des ungeliebten Präsidiums so viele Autogramme wie nur möglich zu sammeln.

„Das Bild hängt schief!“

Nun, was ist denn eigentlich passiert? Viel, sehr viel. Zu viel? Wahrscheinlich, aber nicht unbedingt. Paul Metzger hat sich in seiner bisherigen Amtszeit seit Oktober in vielen maßgeblichen Herausforderungen seines Amtes als unvorbereitet und überfordert präsentiert. Ebenso wie Loriot in seinem Sketch „Das Bild hängt schief“ richtet der Brettener seine unterstellt guten Absichten mit einer derartigen Konsequenz und Ungeschicklichkeit zugrunde, die seinesgleichen sucht und einem bei keinem Präsidenten des KSC erinnerlich ist. Zudem scheinen Metzger und seine Vizepräsidenten Arno Glesius und Rolf Hauer nicht ausreichend zu harmonieren und kommt es häufig vor, daß der eine dem überraschenden Vorpreschen des anderen nur mit Mühe folgen kann. Wirre Äußerungen in der Öffentlichkeit sowie ein ebenso unbegreiflicher wie bizarrer Kleinkrieg mit Trainer Markus Schupp komplettieren das Schreckensbild, das die KSC-Führung seit Wochen abgibt. Ginge es in dieser Weise ungebremst weiter, wäre der KSC – ohne Übertreibung! – in seiner Existenz geradezu unweigerlich und ernstlich gefährdet. Kühl resümierend kann man somit unweigerlich zu dem Schluß kommen, daß sich die Troika am falschen Ort, zur falschen Zeit und in der falschen Position befindet und gerade Metzger schlicht das Format fehlt, das ein Präsident des Karlsruher SC benötigt.

Die Sympathie bleibt – noch.

Dennoch schließe ich mich, ganz Herrn Martenstein folgend, dem Plebiszit des Karlsruher Volkes und Journalistenrudels noch nicht an. Ausdrücklich sogar. Und dies gewiß nicht, weil mich mit Herrn Metzger besonderes verbände. Sondern weil eine derartige Unredlichkeit, wie sie in der Dämmerung ihres Vorgänger-Trios zu finden war, bei den drei Unbeholfenen nicht zu finden ist. Was gäbe es bei ernsthafter Mutwilligkeit und Recherche über die Enthobenheiten der Schütterles, Dohmens & Co. nicht alles zu berichten! In und mit deren Hinterlassenschaften haben sich die drei Unbedarften derart verfangen, daß sie für die Medien inzwischen eine breite Angriffsfläche bieten. Es ist sehr unangenehm, wie „mutig“ nun diese deren Ungeschicklichkeiten in gezielt manipulierender Art und Weise aufgreifen und jegliche Hemmungen verloren zu haben scheinen. Und wer denn so gar keine Freunde mehr zu haben scheint, dem erwiese ich gerne noch ein paar Tage jene Portion mehr an Geduld, die guten Gewissens eigentlich längst aufgebraucht sein müßte. Mit Lust falle ich hierfür unangenehm auf, verzichte auf mögliche Vorteile und die unbeschreibliche Gunst, gemocht zu werden. Auch wenn es traurig ist, daß hierbei der Trotz über die Argumente siegt.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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