Als Winnie Schäfer einmal sehr böse war
Geschrieben von Matthias Dreisigacker in Kolumnen - 628 KlicksVor 14 Tagen hatte einer meiner besten Freunde einen großen Abend. In Zürich stellte er im Rahmen einer Vernissage sein Buch über den Hardturm, das alte und inzwischen abgerissene Stadion des Schweizer Rekordmeisters Grasshopper-Club Zürich vor. Es ist hierbei natürlich erstaunlich, daß ausgerechnet ein Deutscher kommen mußte, um dieser legendären Wettkampfstätte mit einem Bildband ein literarisches Denkmal zu setzen. “Dennoch” ist es sehr gelungen und seinem Thema ein würdiges Zeitdokument. Daß für den Tag darauf zufällig ein Heimspiel der Hoppers gegen den AC Bellinzona auf dem Programm stand, rundete den Ausflug in die Schweiz natürlich wunderbar ab. Denn auf der Trainerbank von GC sitzt seit Saisonbeginn der ehemalige Lauterer Spieler Ciriaco Sforza, dessen man sich in der Pfalz noch heute nicht unbefangen erinnert. Einerseits feierte er 1998 mit dem damaligen Aufsteiger FCK die wohl sensationellste Meisterschaft der Bundesligageschichte, andererseits geriet er im Folgenden des öfteren mit seinen dortigen Trainern wie Otto Rehhagel oder Joachim Michael Henke derart aneinander, daß er schließlich als „Spaltpilz“ oder „Stinkstiefel” denunziert wurde. Sforza hat hierzu eine gesunde Distanz entwickelt und ist mit sich im Reinen – „Ich hatte als Spieler eine verantwortungsvolle Position, sodaß es sowohl mein Recht, als auch meine Pflicht war, wichtige Dinge anzusprechen. Ich habe nur das getan, was ich meinem Gefühl nach machen mußte.“
Kaufmann alter Schule
Im Frühsommer 1993 war der Mittelfeldspieler und Schweizer Nationalspieler, der in seiner Generation als das größte Talent seiner Heimat galt, erstmals auf den Betzenberg gewechselt. Vorausgegangen war ein wochenlanges Transfergerangel, an dem der VfB Stuttgart und vor allem der aufstrebende KSC beteiligt gewesen waren. Daß Sforzas Berater der ehemalige KSC-Spieler Martin Wiesner war, sollte sich für die Badener letztlich nicht auszahlen. Noch zwei Wochen vor Sforzas Unterschrift in der Pfalz hatte Winfried Schäfer angekündigt, mittwochs zu einem Länderspiel der Schweiz nach Basel fahren und „alles klar machen“ zu wollen. Doch weder hatte Winnie mit Rainer Geye und Norbert Thines gerechnet, noch mit seinem eigenen Manager Carl-Heinz Rühl. Der Rheinländer, ganz der ehrliche Kaufmann, setzte unter die schwindeligen Gehaltsverhandlungen letztlich einen Punkt und ließ Sforza auf die andere Rheinseite ziehen. Daß Rühl nur ein gutes Jahr später den Verein verließ, da er mit der einsetzenden Vernachlässigung einer zurückhaltenden Personal- und Wirtschaftspolitik nicht mehr einverstanden war, ist rückblickend sicherlich als der Anfang vom Ende des seinerzeitigen Aufschwungs des KSC zu bewerten.
Der FCK war schneller
Sforza erinnert sich heute durchaus an die die turbulenten Wochen und gibt zu, „ganz nah an einem Wechsel“ zum KSC gewesen zu sein – um lächelnd hinzuzufügen, daß der FCK, als es in „gewissen Dingen“ mit den Karlsruhern hakte, letztlich „schneller“ gewesen sei. Schäfers Zorn auf den jungen Spieler hielt lange an – „wenn einer so ein Spiel spielt, kann ich ihn nicht gebrauchen“. Und tatsächlich erlebte der KSC auch ohne Sforza seine besten Zeiten. Statt des Schweizers wurden Heiko Bonan, Slaven Bilic und Edgar Schmitt verpflichtet und nur Wochen später Mannschaften wie der FC Valencia oder Girondins Bordeaux aus dem Wildpark gefegt
Hohe Ansprüche, leere Kassen
Der seinem Gesprächspartner sehr freundlich, geduldig und aufmerksam gegenübertretende Sforza hat sich heute bei GC eine schwere Aufgabe ausgesucht. Einerseits genießt er als ehemaliger Spieler eine hohe Akzeptanz, andererseits gelten bei den Zürchern trotz leerer Kassen unvermindert hohe Ansprüche. Und diese müssen mit einer jungen, neu zusammengestellten Mannschaft erfüllt werden. Man ist enttäuschend gestartet und steht im Herbst nur einen Platz vor den Abstiegsrängen. Zudem hat sich in den letzten Jahren der Lokalrivale und aktuelle Champions-League-Teilnehmer FC Zürich deutlich von seinem Kontrahenten abgesetzt. Ein nettes Beispiel illustriert der Bummel durch die Zürcher Innenstadt. Gleich in Bahnhofsnähe befindet sich der offizielle Fan-Shop des FCZ, und etwas ketzerisch fragte ich darin einen Angestellten, ob er mir sagen könne, wo sich denn der Shop der Grasshoppers befände. Freundlich erwiderte er mir, daß es GC im Moment nicht so gut gehe und es daher Fan-Artikel ausschließlich nur im Internet zu kaufen gäbe. Allerdings kenne er ein Sportgeschäft, das “ein, zwei Artikel” führe. Immer noch sehr zuvorkommend erklärte er mir den Weg, wobei er mich natürlich falsch schickte. Nun, sich darüber zu grämen, wäre falsch. Denn käme jemand auf die Idee, im Fan-Shop des KSC nach einer Verkaufsstelle für, sagen wir mal, Artikel des 1.FC Kaiserslautern zu fragen, so würde man ihn wahrscheinlich ebenso falsch schicken. Zum FCK-Mega-Store nach Hohenwettersbach, vermutlich. Kann ja mal vorkommen, nicht der Rede wert.
7:0
Aber zurück zu Sforza. Ob er sich für seine Jungs denn einen kritischen Geist, wie er es selbst als Spieler war, denn wünsche? „Absolut! Man braucht solche Spieler mit Ecken und Kanten, die nicht nur auf dem Platz Persönlichkeit zeigen.“ An jenem Spätnachmittag vor zwei Wochen ging es auch ohne einen wie ihn – Bellinzona wurde mit einem glatten 7:0 aus dem Letzigrund-Stadion gefegt. Wenn Winnie Schäfer davon gehört hat, wird seine Gesichtsfarbe wieder die eines guten Rotweines angenommen haben: Jetzt klaut ihm der Sforza auch noch sein schönstes Ergebnis.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.





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LIeber Matthias,
ein kleiner Korrekturhinweis zu einem wieder mal sehr lesenswerten Beitrag sei gestattet:
Wenn ich nicht völlig falsch liege, sollte der Vorname des Ex-Lautern-Trainers Henke wohl Michael lauteten, nicht Joachim.
Mit besten Grüßen,
Bernd Hirsch
Simmt, der war’s
Ich hab’s korrigiert. Danke.