KSC Mitgiederversammlung 2009 Schwarzwaldhalle Karlsruhe

Text: M.Dreisigacker \ Fotos: C.Pfefferle
\ Nur wenige Minuten, ehe das Niveau der Mitgliederversammlung des KSC am vergangenen Mittwoch mit den Tumulten um die Wortmeldung Oliver Kahns ihren unrühmlichen Tiefpunkt erreichte, traten Walter Baureis und Rudi Fischer gemeinsam den Heimweg an. Langsam und mit sichtlich bestürzten Mienen, der eine den anderen am Arm führend, trotteten die beiden Protagonisten der besten KSC-Generation aller Zeiten – der Pokalsieger- und Vizemeistermannschaft der 50er Jahre – gen Ausgang der Europahalle. Fischer bruddelte im Vorübergehen noch ein deutliches „Kaschperletheater“ in die Runde. Und es war ebenso peinlich wie bestürzend, sich eingestehen zu müssen, daß der alte Torwart Recht hatte. Später war man dann froh, daß die beiden betagten Herren gerade noch rechtzeitig die Flucht ergriffen hatten und ihnen die endgültige Desavouierung des guten Namens „KSC“ somit erspart geblieben war.

Beispiellose Vulgarität

KSC Mitgiederversammlung 2009 Schwarzwaldhalle Karlsruhe

\ Dabei hatte noch nicht einmal eine derart fundamentale Richtungsentscheidung angestanden, als daß ein derartiges Hervorbrechen vulgärer Emotionen auch nur ansatzweise verständlich, erwartbar oder gar notwendig gewesen wäre. Alle drei Kandidaten hatte aus der Amtszeit Hubert H. Raases vergleichbare Schlüsse gezogen und ihre Programmschwerpunkte ähnlich strukturiert. So zum Beispiel, daß man ich der Stadionfrage nur noch die “Kleine Lösung” Wildpark als realistisch ansähe. Oder unbedingt eine Verbesserung der Verhältnisse mit Stadt und Prozeßgegnern wie Michael Kölmel anstrebe. Auch blieben die Kandidaten unisono stets ausweichend und unbestimmt, wenn es denn konkret darum ging, wie und mit wem man denn eine spürbare Verbesserung der Marketing- und Sponsorenergebnisse anstrebe. Letztlich geschenkt, ging es doch nur um Symbolisches. Um Namen, Köpfe und was denn alles unterstellt dahinter steckte.

Kurzsichtige Interessen?

\ Schon früh hatte sich im Vorfeld die Aufmerksamkeit auf die Kandidaten Rolf Kahn und Paul Metzger gerichtet. Kahn, der alteingesessene Karlsruher und ehemalige Fußballer, reklamierte im besonderen sein Fußballfachwissen und seinen positiven Einfluß auf die Karriere seines Sohnes Oliver. Es blieb im Nachhinein sein Fehler, nicht erkannt zu haben, daß er sich von diesem mehr hätte freischwimmen und dessen nur wenige Wochen zuvor erfolgte Aufnahme der Mitgliedschaft des KSC als kontraproduktiv hätte ablehnen müssen. Denn zu sehr war damit der Eindruck entstanden, daß sie nur aus dem kurzsichtigen Interesse erfolgt sein könnte, auf „gut Wind“ zu machen und dem Vater in seinem Bemühen um den KSC-Vorsitz die eine oder andere Stimme zu sichern. Metzger hingegen hatte sich schon früh die Unterstützung der Supporters gesichert, indem er sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzte und, zum Beispiel hinsichtlich Stadionneubau, gemeinsame Standpunkte vertrat.

Ruch- und Charakterlosigkeit

KSC Mitgiederversammlung 2009 Schwarzwaldhalle Karlsruhe

\ Entscheidend für den Verlauf der Mitgliederversammlung sowie den Ausgang der Präsidentenwahl sollte dann schließlich eine eigentliche Bagatelle werden. In einer kleinen Brettener Wochenzeitung war aufgrund einer Initiative von Freunden Metzgers ein Wahlaufruf erschienen, verbunden mit dem Aufruf, doch bitte möglichst zahlreich in den KSC einzutreten und den Brettener Alt-Oberbürgermeister mittels Wahlzettel an die KSC-Spitze zu hieven. Angesichts Inhalt und Reichweite der Anzeige wahrlich nicht der Rede wert, zumal die „Gegenseite“ kraft des Namens „Kahn“ hinsichtlich Werbe-, Medien- und Öffentlichkeitswirksamkeit ohnehin präsenter war, als es die dahinterstehenden Inhalte berechtigen ließen. Den Chefredakteur und berüchtigten Kolumnisten des wirkmächtigsten kostenlosen Karlsruher Anzeigenblättchens jedoch ließ die Brettener Aktion keine Ruhe und blies er sie zu einem Akt geradezu unwahrscheinlicher Ruch- und Charakterlosigkeit auf.

Niedrige Eskalationsstufen

KSC Mitgiederversammlung 2009 Schwarzwaldhalle Karlsruhe Oliver Kahn

\ Hier liegt denn wohl auch der gewichtigste Grund für die Eruptionen am Abend der Mitgliederversammlung. Denn die einen sahen sich bestätigt, daß der halbseidene Mob aus der Fan-Kurve zu Betrügereien jeder Art willens ist – und die anderen mußten befürchten, von der Karlsruher Presse zum x-ten Male ausgespielt zu werden. Hatte das „Karlsruher Meinungskartell“ der Öffentlichkeit aus Eigeninteressen nicht schon die byzantinischen Anwandlungen des Präsidiums Hubert Raase und des Manager Rolf Dohmen systematisch verschwiegen? Rumms! Von nun an waren die Reihen beider Seiten endgültig fest geschlossen und war zu befürchten, daß die jeweiligen Eskalationsstufen recht niedrig angesiedelt sein würden. Und so kam es dann auch. Für dieses gegenseitige Mißtrauen exemplarisch wurde die Wortmeldung eines dem Verein seit einem halben Jahrhundert angehörenden Mitgliedes, das den Metzger unterstützenden Fans empathisch vorwarf, von diesem „eingekauft“ zu sein und ohnehin nur „Blut und Schlägereien“ zu wollen. Der Mann erntete wütende Reaktionen, ein zum Wurfgeschoß umgewidmeter Bierbecher verfehlte ihn nur knapp.

Der tragische Moment

\ Können die alles in allem nur ungenügenden Selbstvorstellungen der drei Kandidaten, auch die vielen unsachlichen Beiträge, Zwischenrufe und Pöbeleien aus der Versammlung heraus im Rückblick noch als folkloristische Eigenarten typischer deutscher Vereinszusammenkünfte erscheinen, so verbleibt dem Auftritt Oliver Kahns der singuläre Moment des Tragischen. Noch immer ist es unfaßbar, daß einer der bedeutendsten und verdienstvollsten Fußballspieler, die der KSC je hervorgebracht hat, von dessen Mitgliedern eine derartig unwürdige Behandlung hat erfahren können. Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt die Schmähungen und Aggressionen, derer er sich in den Stunden der Versammlung ausgesetzt sehen mußte.

Beim Abschied den KSC vergessen

\ Gewiß war es etwas ungeschickt von ihm, ausgerechnet die Kandidaten-Fragerunde zu einem Statement in eigener Sache nutzen gewollt zu haben. Seine Stellungnahme verendete letztlich in gellenden Pfiffen und wüstem Gebrüll. Mehrfach war aus dem Geschrei herauszuhören, wo er denn gewesen sei, als es dem Verein „so dreckig“ ging und daß sein Auftritt doch ohnehin nur den Interessen seines Vaters geschuldet und damit unehrlich sei.

KSC Mitgiederversammlung 2009 Schwarzwaldhalle Karlsruhe

\ Vergebens sein Worte, „den KSC immer hochgehalten“ zu haben und in diesem Verein „meine Wurzeln“ zu sehen. Nach dem, was zu verstehen war, hatten viele der Anwesenden auch Kahns Münchner Abschiedsspiel gesehen und schlugen ihm nun um die Ohren, daß er seinerzeit weder auch nur einen einzigen ehemaligen Mitspieler des KSC eingeladen, noch seinen Heimatklub in seiner Dank- und Abschiedsrede erwähnt habe. Kurz gesagt: Die Leute nahmen ihm seine Empathie für den Verein nicht mehr ab. Aber selbst wenn – vor 15 Jahren, als er den KSC verließ und sich dem FC Bayern anschloss, tat er dies als Mann, der den KSC mit großartigen Leistungen und rücksichtsloser Einsatzbereitschaft ins Halbfinale eines europäischen Wettbewerbes geführt hatte. In jener Zeit war er für den Verein da. Und dies genügt zweifellos bis zum Rest seines Lebens, um bei jedem Heimatbesuch mit Respekt behandelt zu werden. Unsäglich aber ist und bleibt es, ihn derartig runterzuputzen und zu beleidigen. Nur verständlich wäre es, wenn die Person Oliver Kahn mit all seiner Reputation für den KSC künftig verloren ist. Und zu verdanken wäre dies keinem verschwörungstheoretischem Schicksal oder irgendwelchen Hintermännern, sondern ganz alleine dem KSC selbst – denn nichts anderes ist jener, als die Summe der am Mittwochabend erschienenen Mitglieder.

Tabula rasa

\ Die Geburtswehen der Präsidentschaft Paul Metzgers waren also überaus heftig. Mit dieser fulminanten “Tabula rasa” findet er nun allerdings ein von vielen Altlasten geräumtes Feld vor, das ihm und dem Verein breiteste Möglichkeiten der Entfaltung bieten wird. Gerade auch nach den am Mittwoch bekannt gewordenen Affären unter der Präsidentschaft Raases und dessen unangenehmer Selbstbeweihräucherung wird der Schatten des Vorgängers nicht mehr ganz so mächtig ausfallen. Das hat Metzger gebraucht, und er wird es im Sinne des KSC hoffentlich zu nutzen wissen.

Matthias Dreisigacker und Christian Pfefferle


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


2 Antworten zu “Blut und Schlägereien — die KSC-Mitglieder wählen sich einen Präsidenten”
  1. Holger Lauinger sagt:

    hallo? was ist mit dieser andeutung gemeint?
    “Gerade auch nach den am Mittwoch bekannt gewordenen Affären unter der Präsidentschaft Raases und dessen unangenehmer Selbstbeweihräucherung wird der Schatten des Vorgängers nicht mehr ganz so mächtig ausfallen.”
    die info würde mich interessieren… kann mir jemand dazu was sagen?

  2. Charlie sagt:

    @Henning:
    Wenn Du von “Form” sprichst, dann solltest Du zunächst mal vor der eigenen Tür kehren, insofern Dein Auspfeifen Oliver Kahns nicht nach sondern während dessen Ansprache stattgefunden hat.

    Ich muss Matthias beipflichten. Das Verhalten vieler Mitglieder an diesem Abend war einfach nur beschämend. Egal, was man von Oliver Kahn, seinem Vater, dessen Kandidatur oder der Kahn-Familie überhaupt halten mag (auch ich habe R.Kahn nicht gewählt), sowas ist einfach nur peinlich und beschämend. Das ist nicht nur unterstes Stammtisch-Niveau, das ist einfach ein asoziales Verhalten, respektlos demjenigen gegenüber, der seine Meinung offen äußert.

    Man wurde von manchen Seiten ja schon schief angeschaut, wenn man sich nicht auf das gleiche Niveau hinunter liess. Ehrlich gesagt, fehlen mir einfach die Worte zu derartigem Verhalten, dass bei vielen auch ziemlich sichtbar durch übermäßigen Alkoholgenuss verursacht wurde. Man sagt ja, Alkohol kehrt den wahren Charakter heraus.

    Das ganze passt aber auch zum Verhalten vieler Zuschauer bei den KSC Heimspielen. Man muss sich inzwischen einfach mal klar sein, dass wir mit dieser Truppe KEINE Spitzenmannschaft der 2. Liga sind, zumindest im Moment. Auch hier ist es äußerst kontraproduktiv, einen Spieler gleich beim ersten Fehler auszupfeifen und nieder zu machen.

    Das alles, das Verhalten vieler Mitglieder auf der Mitgliederversammlung, das Verhalten vieler Zuschauer bei Heimspielen, beweist doch, wie weit unten sich das Niveau in unserem Verein derzeit befindet.

    Armer KSC!

  3.  
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