Ein Interview mit dem südafrikanischen Nationalspieler Bradley Carnell

\ Nach 93 Spielen und acht Toren (seit Februar 2005) für den KSC endete vor wenigen Wochen Bradley Carnells Zeit im Badischen – sein Vertrag wurde nicht verlängert, die Zukunft des südafrikanischen Nationalspielers liegt nun beim Ligakonkurrenten FC Hansa Rostock.

“Tatort

Zeitgleich mit Godfried Aduobe und Trainer Edmund Becker hatte Carnell einstmals seinen Dienst angetreten und wurde zum Wegbegleiter des Vereins auf dessen Weg aus den Niederungen der 2. Liga bis in die Bundesliga. Als Bradley Carnells erfolgreichste Phase gilt das Aufstiegsjahr 2006/07, während seine Bundesligajahre von häufigen Verletzungssorgen überschattet blieben. Erlebte der sympathische Flügelspieler beim KSC zunächst gute und schöne Jahre, wird seine persönliche Bilanz durch den Bundesligaabstieg und das Taktieren des Vereins hinsichtlich seiner Vertragsverlängerung ein wenig getrübt.

Herr Carnell, wie kam der Kontakt nach Rostock zustande?
Bradley Carnell : Das ging über meinen Berater Jürgen Schwab. Er hatte mir einige Möglichkeiten aufgezeigt, wobei sich Rostock am intensivsten um mich bemühte. Hansa war unter Trainer Armin Veh übrigens schon einmal an mir interessiert, und zwar nach meiner Stuttgarter Zeit – mit meinem Berater war ich sogar zu Verhandlungen in Rostock gewesen. Letztlich waren es nur Kleinigkeiten, weshalb ich mich damals für einen Wechsel zu Borussia Mönchengladbach entschieden habe. Aber Rostock blieb immer ein Thema, und jetzt hat es ja doch noch geklappt! Wer weiß, vielleicht sollte es ja so sein, daß sich die Wege erst so spät wieder kreuzen … (Lächeln)

Haben Sie sich vorher auch mit Godfried Aduobe ausgetauscht, der schon einmal für den FC Hansa Rostock gespielt hat?
Bradley Carnell : Ja, natürlich. Godfried Aduobe hat mir auch zugeraten, da es gerade für die Familie eine sehr schöne Gegend zum Leben und zum Wohnen sei. Klar ist mir, daß er dort oben auch keine einfache Zeit hatte (Rassismus, d.R.). Aber diese Thematik wird mich naturgemäß nicht betreffen.

Rostock… Denken Sie manchmal noch an das berüchtigte 4:4 aus der Aufstiegssaison 2006/07?
Bradley Carnell : Selbstverständlich – 3:0 zur Halbzeit, und ich habe sogar ein Tor geschossen! (Lacht)

Täuscht eigentlich der Eindruck, daß dieses 4:4 nach einer 4:1-Führung einen nachhaltigen Bruch herbeiführte? Die Mannschaft spielte hinterher nie wieder so leidenschaftlich nach vorne wie im berauschenden Spätsommer 2006.
Bradley Carnell : Nein, das glaube ich nicht. Fußballer denken nicht so, man schaut nur von Spiel zu Spiel. Es gab andere Schlüsselspiele, die sich nachhaltiger ausgewirkt haben. Das 7:0 von Hamburg, oder die Niederlage von Frankfurt zum Beispiel. Und allgemein haben wir in der vergangenen Saison gegen direkte Konkurrenten zu wenig gepunktet, was sich am Ende weitaus dramatischer ausgewirkt hat. Also, eigentlich ist es unglaublich, daß so wenige Punkte zum Klassenerhalt hätten reichen können.

Bradley Carnell Arminia Bielefeld

Stichwort Frankfurt. War das 1:2 wirklich der ominöse Wendepunkt der vergangenen Saison?
Bradley Carnell : Ich glaube schon. Es hat ja schon damit begonnen, daß wir zum Zeitpunkt der Erstansetzung sehr gut drauf gewesen waren. Wäre das Spiel nicht ausgefallen, dann hätten wir mit Sicherheit ein besseres Bild abgegeben.

Aber wirklich schlimm war ja dann die tatsächliche Leistung beim Nachholspiel.
Bradley Carnell : Hmmm (grummelt ein wenig)… Ja gut, ich weiß nicht … Das ist lange her (Lacht). Ich weiß nur, daß ich von der Bank kam und das 1:0 für uns vorbereitet habe. Da dachte ich, „hoppala“, jetzt geht es für mich wieder bergauf. Daß wir dann doch noch verloren haben, hat mich natürlich sehr enttäuscht.

Gibt es für Sie weitere markante Punkte, an denen man den Abstieg festmachen kann? Oder, Dinge, die man im Verein hätte besser machen können, um den Absturz zu verhindern?
Bradley Carnell : Ich denke, spätestens nach dem Wiesbaden-Spiel hätte man etwas mehr verändern können, ja müssen. Letztendlich hat man in der täglichen Arbeit nie einen Ruck gespürt, alles plätscherte im selben Trott vor sich hin. Spieltag für Spieltag, Woche für Woche machten wir einfach so weiter, als ob gerade nichts passieren würde – in der Hoffnung, daß es irgendwann und irgendwie einfach besser würde. Aber das tat es nicht. Ich selbst hatte ständig gehofft, daß Mannschaft und Umfeld endlich begreifen, „bis hierher und nicht weiter“. Aber es kam nichts und wurde nie deutlich, wie ernst die Lage eigentlich war. Für eine Mannschaft wird es dann auch schwer, sich von selbst aufzuraffen oder eine Reaktion zu zeigen. Auch die vier Neuen in der Winterpause haben uns nicht entscheidend weitergebracht, der Vorrundenplatz war besser als der Rückrundenplatz. Vielleicht fehlte am Ende auch ein wenig die Hierarchie. Erfahrene Spieler wie Godfried Aduobe oder Aleksander Iashvili konnten sich aus unterschiedlichen Gründen erst spät wieder in die Mannschaft spielen, und auch ich habe aus Verletzungsgründen nicht meine Leistung bringen können.

Bradley Carnell 1.FC Köln

War dies auch der Unterschied zu Ihrem ersten Abstiegskampf – damals, 2005, in der 2. Liga?
Bradley Carnell : Der damalige Abstiegskampf war einfacher für mich, aber auch für Goddie. Wir kamen in der Winterpause zum KSC, wußten noch überhaupt nichts vom Verein und kümmerten uns daher nicht um das Durcheinander im und um den Klub. Wir spielten einfach nur Fußball und versuchten, uns stetig zu verbessern. Das hatte sich in der letzten Saison natürlich geändert. Denn im Laufe der Jahre ist man automatisch näher am Verein dran und setzt sich mit diesen oder jenen Problemen, die man nicht so einfach von sich weghalten kann, zwangsläufig auseinander. Und wenn ich mich intern zu dem einen oder anderen Thema geäußert habe, um Denkanstöße zu geben, dann hatte ich das Gefühl, daß meine Worte nicht viel wert waren. Es gab zuletzt einfach zu viele nicht behobene Baustellen, sodaß ich mittlerweile auch froh bin, woanders einen neuen Start wagen zu können.

Also fehlte Ihnen auch der Anreiz, den Neuaufbau beim KSC aktiv begleiten zu können?
Bradley Carnell : Na gut, natürlich wäre es einfacher gewesen, hier zu bleiben. Aber sportlich war ich an einem Punkt angekommen, bei dem es irgendwann geknallt hätte. Auch meine körperlichen Probleme haben mich belastet, sodaß es gut für mich ist, aus der Karlsruher Routine ausbrechen zu können.

Wie hast Du die relative Ruhe, mit der in Karlsruhe der Niedergang der vergangenen Monate begleitet wurde, wahrgenommen?
Bradley Carnell : Der KSC hat konsequent und schnell darauf geachtet, daß Fragen nach dem Trainer oder anderen Veränderungen nie aufkommen konnten. Es gab keine Chance für Kritik, da man immer eine gute Antwort in der Tasche hatte. Das haben sie geschickt gemacht.

Wäre mehr Kritik besser gewesen?
Bradley Carnell : Ich bin niemand, der, zum Beispiel, gegen den Trainer schießt. Dafür bin ich zu sehr Mensch.

Schade war, daß Du Dich auch von den Fans nicht mehr verabschieden konntest und nach viereinhalb Jahren recht geräuschlos den Verein verlassen mußtest.
Bradley Carnell : Ja, ich habe immer nur in der Zeitung gelesen, daß man mit mir, Timo Staffeldt und Martin Stoll nicht mehr plante. Auch das ist etwas, das mir nicht gefallen hat. Denn ich bin keiner, der unter einem Baum sitzt und wartet, bis etwas für ihn herunterfällt. Zumal es in Karlsruhe immer gestimmt hat, wenn so etwas in der Zeitung stand – Sean Dundee oder Jiri Kaufman zum Beispiel mußten meine Erfahrung, die Vertragverlängerung wie eine Karotte an der Schnur vor die Nase gehalten zu bekommen, um anschließend doch abgeschoben zu werden, ja ebenfalls schon machen. Trotzdem der KSC in Gesprächen mit Jürgen Schwab positive Signale gesendet hatte, ahnte ich also, worauf es hinausläuft und habe dementsprechend nicht gewartet, sondern agiert.

Stefan Buck und Bradley Carnell

Waren die lange Zeit ungeklärten Vertragsverhältnisse vieler Spieler dem Erfolg hinderlich
Bradley Carnell : Vielleicht. Die einen Spieler waren nur ausgeliehen und wußten, was im Anschluß kommt. Andere wiederum wurden bis zum letzten Spieltag vertröstet. Eine gewisse Unruhe kam dadurch sicher in die Mannschaft.

Wie schätzt Du die Perspektive des KSC in der kommenden Saison ein?
Bradley Carnell : Ja gut, ich bin froh, daß ich dazu nichts sagen muß! Ich beschäftige mich jetzt erst einmal ausschließlich mit der neuen Herausforderung bei Hansa Rostock und möchte endlich vor allem wieder eine vernünftige Saison hinlegen. Und das in einer Mannschaft, die um meine Stärken weiß und der ich dann auch helfen kann.

Und die WM im nächsten Jahr?
Bradley Carnell : Ich möchte mich für meine Nationalmannschaft wieder anbieten und angreifen. Es tat mir unendlich leid, daß ich beim Confed-Cup nicht dabei sein durfte.

Das Gespräch führte Matthias Dreisigacker

Wenn Sie mehr über Bradley Carnell lesen möchten empfehlen wir Ihnen unsere Print-Ausgabe „Auf, Ihr Helden! N°8“

15 Antworten zu “Wie die Karotte vor der Nase \ Bradley Carnell”
  1. gringo sagt:

    danke fuer die offenen worte bradley.
    danke heldenmagazin fuer die kritischen nachfragen.
    wohltuend im vergleich zum sonstigen journalistischem einheitsbrei in karlsruhe!

  2. Larry sagt:

    Symbadischer Junge, der Bradley :-)
    Endlich wird mal etwas deutlichere Kritik laut!

  3. Götz sagt:

    Danke Matthias Dreißigacker… Klasse, daß nicht jeder dem Einheitsbrei eines Herrn Linder oder Dankert folgt…

  4. DirtySanchez sagt:

    Danke,

    super Interview, dass vielen aus der Seele spricht.

    Dieses Interview müsste groß in der BNN, dem Kurier, der Sonntagszeitung gedruckt werden, damit auch die letzten Fähnchenschwenker und Ede-Anbeter aufwachen.

    Aber leider wird das wohl nie der Fall sein.

    Wird es evtl. bei ka-news.de erscheinen ?

  5. Auch von mir ein Dankeschön für die klaren Fragen und Antworten, die das bestätigen, was wir KSC-Fans über die ganze Saison gespürt haben!

  6. Bernie sagt:

    Super Interview.
    Klare Fragen, klare und wahre Antworten.
    Endlich mal einer der das ausspricht, was viele zwar schon wussten, aber durch gewisse schönschreiber immerwieder im Ansatz unterbunden wurde.
    Ich wünsche Bradley alles Gute für die Zukunft !

  7. bananenbrot sagt:

    danke!
    viel glück in rostock und bleib´ gesund.

  8. Pfälzer sagt:

    Danke für dieses Interview! Es sind sehr deutliche Worte von jemandem, der den KSC in- und auswendig kennt – auch wenn Carnell sich sehr besonnen ausdrückt.
    Ich persönlich kann es ihm nicht verübeln, daß er nach den Erfahrungen der letzten Monate einen neuen Arbeitgeber gesucht hat. Alles Gute in Rostock, Bradley!

  9. Jammerschade, einen soliden und auch sehr symbadischen Kerl wie Bradley nicht mehr hier zu haben.

    Fußball ist leider auch ein knallhartes Geschäft. Und Rolf Dohmen nun mal ein knallharter Manager, was als solches für den Verein ja meist etwas wünschenswertes ist und was dem KSC auch wirklich Stabilität und Stellenwert gesichert hat.

    Die Kehrseite dieses Geschäftsgebahren ist jedoch, das man hin und wieder auch Entscheidungen trifft, wie in diesem Falle bei Carnell, welche doch eher unsensibel waren.

    Ich denke, das bei Carnell letzten Endes zwei Faktoren für einen Wechsel nach Rostock ausschlaggebend waren. Die fragile Finanzsituation des Vereines und die ungewisse, gesundheitliche Verfassung des Spielers. Wobei letzteres nicht so dramatisch sein dürfe, da ja bei fehlenden Spieleinsätzen auch keine Prämien anfallen würden…. und, wenn man diversen Stimmen glauben schenken darf, war auch eine bessere, medizinische Versorgung des “Pflegefalles” Bradley Carnell nicht wirklich gegeben. Gerade dieser Grund dürfte das Verhältnis doch eingetrübt haben.

    Businesstechnisch hat er sicher die richtige Entscheidung getroffen. Ob das auch sportlich der Fall ist, wird sich allerdings noch erst im Laufe der Saison zeigen. Dennoch schätze ich Rostock in dieser Saison ungefähr drei bis fünf Tabellenplätze höher ein, als in der Vorsaison.

    Nun ja,….wir werden Bradley ja bald wieder sehen…wenn auch im “falschen” Trikot……..

  10. Mischka sagt:

    “Ja, natürlich. Godfried hat mir auch zugeraten, da es gerade für die Familie eine sehr schöne Gegend zum Leben und zum Wohnen sei. Klar ist mir, daß er dort oben auch keine einfache Zeit hatte (Rassismus, d.R.).”

    War der Zusatz eine Eingebung vom Autoren oder wie kommt dieser Rassismusvorwurf zustande?

  11. Holger Lauinger sagt:

    also, also, ja ein schönes interview! vor allem, weil es doch auch unterstreicht, dass von vereins und trainerseite anscheinend keine spannung im team aufgebaut wurde, die es allen verdeutlichte, worum es eigentlich im abstiegskampf geht…
    aber: bradley war unterirdisch und grottig. und konnte überhaupt nicht an sein normales leistungslevel anknüfen. das deutet er ja selbst an… ich war froh, dass er geht und der ksc die ganzen alten zöpfe, die enttäuschten dann auch abschneidet. m.e. nach gehört standgas porcello und timm auch noch aussortiert… die art der verabschiedung war wohl nicht ok, ja… da scheint der ksc wohl eh keinen stil zu haben, wenn man das heldenmagazin daraufhin gegenliest…
    alles gute bradley! nutze deine chance in rostock. eine trennung ist für beide seiten besser!

  12. Charlie sagt:

    Mathias, sehr gutes Interview! Bradley zeigt gnadenlos auf, was jeder beteiligte und unbeteiligte schon gewusst hat, es fehlten in der letzten Runde einfach die Aktionen, bei denen man gemerkt hat, es tut sich was.
    Sportlich hat Bradley sicherlich die beste Zeit hinter sich und muss in diesem Sinne leider nicht unbedingt als Verlust bezeichnet werden.
    Menschlich ist er auf jeden Fall ein Verlust. Wenn man ihn nach dem Training oder mal im Fanshop getroffen hat, war er immer sehr freundlich und nahm sich Zeit!
    Machs gut, Bradley, bleib gesund und viel Erfolg (ausser natürlich gegen uns… :-) )!

  13. Toman Wanner sagt:

    Immer dieses gestänkere gegen den “Einheitsbrei” der Karlsruher Medien. Glaubt denn einer, Bradley hätte dieses Intervie gegeben, so lange er noch beim KSC Geld verdient?? Das hätte er nicht. Zumal er dem Verein in den letzten eineinhalb Jahren im Prinzip Nullkommanull geben konnte. Und sein werter Berater Schwab hat, wie man hören und lessen konnte, auch nicht nur mit offenen Karten gespielt. Ähnlich wie bei Herrn Miller…

  14. [...] merkwürdige Transfer-Querelen, gespaltene Fan-Lager – der KSC macht weiterhin Negativ-Schlagzeilen. Der Ton im internen Mailing-Verteiler ist bleibend gereizt – und jetzt wurde sogar die vehemente [...]

  15. Holger Lauinger sagt:

    meine sicht der leistungen gegen tebe…
    kornetzky: sehr ordentlich! (die positive überraschung des abends)
    langkamp: ok, war aber schon besser
    buck: vorne ja, hinten augenkrebs
    schäfer: ne zumutung, man hatte fast den eindruck, dass team sieht das ähnlich, da ging gar nix nach vorne…
    engel: oh je, oh je… du willst der dominator sein?
    timm: augenkrebs pur!
    mutzel: solide unauffällig
    adoube: lichtblick1
    iashi: lichtblick 2
    stindl: lichtblick3
    finnenschrank: harmlos, aber mal sehen…
    anton fink: leider zu kurzer einsatz, war aber bei tor 2 an der richten stelle fürn stürmer…

    also, das war stinklangweilig anzuschauen, aber da sie dann doch routiniert den sieg eingefahren haben.. nun gut… aber gegen aachen muss mehr kommen, sonst wird das nichts…
    muss leider sagen, dass da bei vielen berliner ksc-fans kein “feuer” übergesprungen ist…

  16.  
Hinterlasse einen Kommentar

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>