Siggi Reich KSC VfL WolfsburgNur wenige Stunden vor dem samstäglichen Spielbeginn nutzte der Verfasser die Reise nach Wolfsburg, um einmal mit dem Fleisch gewordenen Alptraum seiner Jugendtage zu sprechen – Siegfried „Siggi“ Reich, einst brandgefährlicher Stürmer u.a. von Arminia Bielefeld, Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg. Zwischen 1983 und 1989 war er in neun Spielen gegen den KSC auf dem Platz gestanden, um in diesen satte 13 Tore gegen die Blau-Weißen zu erzielen. Fürchterlich! Es wurde eine angeregte und amüsante Unterhaltung mit dem heute zufrieden im Stadtteil Fallersleben ansässigen, ein Sportgeschäft betreibenden Torjäger. Am Ende meinte er spaßeshalber, daß er noch mal mit dem Felix sprechen wolle, ob er ihn heute nicht doch noch einmal aufstellte – nur so, damit der VfL gegen seinen Angstgegner auch tatsächlich eine Chance habe…

Volkes Stimme

Sebastian Freis KSC VfL WolfsburgDaß dies nicht nötig wurde, verursachte nach den 90 Minuten ein gerüttelt Maß an Zorn unter den mitgereisten KSC-Fans – „Isch des alles, was Ihr uns anzubiede’ habt?!“ Nicht nur ein  Karlsruher mittleren Alters, nein, die gesamte Fan-Kurve zeigte nach dem Schlußpfiff in Wolfsburg kollektive Wut über ihre Mannschaft und empfing die sich bedankenden wollenden Spieler mit einem wüstem „Becker-Raus!“ Jene hoben beschwichtigend die Arme und machten in der Erkenntnis, diese erregte Wand nicht beschwichtigen zu können, alsbald wieder kehrt. Seit Monaten wabert diese Stimmung gegen den Trainer durch das Zuschauer-Umfeld des KSC, vom Internet-Forum über das Gespräch auf der Straße bis zum vorläufigen Höhepunkt am Samstag, dem offenen Ausdruck im Fan-Block. Volkes Stimme pur. Die Vorwürfe gegen Edmund Becker bleiben sich hierbei stets gleich – sein zu ausdauerndes Festhalten an einer zu defensiven und leicht auszurechenden Taktik, seine eigenwilligen Wechselentscheidungen oder auch das lethargisch wirkende Hinnehmen von Entwicklungen während eines Spiels.

Verzweifelte Rufe

Felix Magath VfL Wolfsburg KSC

Alles diskutable Thesen, keine Frage. Doch muß man auch sehen, daß man, eingedenk früherer Erfahrungen, ein wahres Allroundtalent finden müßte – ein Becker-Nachfolger müßte nicht nur über die Fähigkeit besitzen, ein Team umstandslos pushen, sondern es im Falle des Klassenerhaltes auch weiterentwickeln zu können. Und sollte man scheitern, dann müßte jener Wundermann auch zum Neuaufbau in der 2. Liga taugen. Und so jemand, den der KSC letztlich bräuchte, um eine kontinuierliche Entwicklung zu gewährleisten, ist zweifellos schwer zu finden. Tragisch für Becker ist, daß es in dieser Saison bislang oftmals an Kleinigkeiten hin, daß sich die Kritik derart fokussieren kann. So sprach am Samstag auch VfL-Trainer Felix Magath von einem besseren KSC und einem glücklichen Sieg seiner Mannschaft. Und man bedenke, daß Magath einer Mannschaft vorsteht, die sich nur wenige Wochen vor Saisonende zu einem ernsthaften Anwärter auf die Deutsche Meisterschaft entwickelt hat. So wirken die Verbalaggressionen der Zuschauer mittlerweile auch immer verzweifelter und gleicht der Ruf nach einem Trainerwechsel mehr dem Klammern nach dem letzten entscheidenden Schuß, den der Verein möglicherweise noch hat, um das Blatt noch einmal zu wenden. Bei Lichte besehen ein Offenbarungseid.

Es gab schon einige Abstiege

KSC VfL Wolfsburg Lankamp Eichner Drpic GörlitzDenn man hat den KSC schon einige Male aus der Bundesliga absteigen sehen. Becker selbst war hierbei gleich zweimal, 1983 und 1985, als Spieler dabei gewesen. Hinzu kommen noch die Elendsspielzeiten 1967/68, 1976/77 und 1997/98. Aber daß sich eine solch gesunde, verhältnismäßig auch so willige KSC-Truppe derart in den Schlamassel hineingezogen hat, stünde in dieser Reihe singulär. Eigentlich müßten sich die KSC-Fans am kommenden Wochenende darum prügeln oder auf dem Schwarzmarkt Preise im vierstelligen Bereich bezahlen, um beim Spiel gegen Arminia Bielefeld dabei sein und der Mannschaft helfen zu dürfen. Denn es ist abzusehen, daß sich gegen den Mitkonkurrenten sehr viel, wenn nicht alles, entscheiden wird.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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