Als einem Freund am Sonntag nach dem Spiel gegen den VfB Stuttgart auf dem gegenüber des Wildparkstadions gelegenen Birkenparkplatz ein Barhocker (!) um die Ohren flog, zog er für sich endgültig den Schluß, die unwirtlich gewordene Stätte zu verlassen. Seine aktiven Zeiten als Hausbesetzer und „antifaschistischer Widerstandskämpfer“, in denen er handgreiflich die Geschicke und Läufe des Lebens zu verändern können glaubte, liegen doch schon allzu lange zurück, als daß er an den heutigen Raufereien am Rande von Fußballspielen Gefallen finden könnte.

Diese Absonderlichkeiten obliegen vornehmlich Fans der jüngeren Generation. Daß es allerdings zu einer derartigen Peinlichkeit kommen konnte, den gegnerischen Mannschaftsbus zu blockieren, läßt den Außenstehenden nur mehr ratlos zurück. Aber auch in einer Art gespannten Erwartung, wann und zu welcher Gelegenheit Teile der KSC-Fans wieder die Solidarität des überwältigenden, am schönen Fußballsport interessierten Publikums für ihre Anliegen und Interessen einfordern werden. Ob Verhaltensweisen wie am Sonntag der Bereitschaft hierzu förderlich sind, bleibt abzuwarten. Zumal – und dies kann man nicht oft genug sagen – mit diesen Gewaltausbrüchen eben jene Hardliner von Polizei, DFL und Vereinen mit guten Argumenten gefüttert werden, deren Obsession ohnehin nur ein ausschließlich, wie z. B. in England längst Realität gewordener, aseptischer Operetten- und Familienfußball ist. Nur mal so als Beispiel – wie viele Stehplätze wollt Ihr im neuen Stadion haben? Schönen Dank auch, ihr ach so tollen und hundertprozentigen KSC-Fans!

„Sie werden sterben!“

Währenddessen also die einen Zuschauer ihre Enttäuschung weiterhin mittels dumpfer Aggression entluden, zogen die anderen aber, und zwar die übergroße Mehrheit, schweigend und desillusioniert von dannen. Nein, es war schlicht zu wenig gewesen, was der KSC in diesem Spiel anzubieten gehabt hatte, als daß einem ein „Nicht aufgeben!“ oder „noch ist alles drin!“ in den Sinn gekommen wäre. Denn wenn es für die Mannschaft in den kommenden drei Spielen in Wolfsburg, gegen Bielefeld und bei den Bayern so weiterliefe, dann gerieten die nachfolgenden Paarungen unausweichlich zu Freundschaftsspielen. Am Tage des Derbys war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein kleiner, sich über drei Bilder entwickelnder Comic-Strip abgedruckt gewesen. Hierbei zu sehen waren eine Wahrsagerin und ihr Kunde: Beim Blick in die Glaskugel entfährt der in die Zukunft sehenden Dame ein trockenes „Sie werden sterben!“. Es folgt eine Pause, ehe sie hinterher schiebt, „ich kann nur nicht genau sehen, wann.“ Auf den KSC bezogen könnte der Zeitpunkt, zu dem eine klarere Auskunft über dessen sportliche Zukunft möglich ist, recht nahe sein.

Peu à peu auseinandergefallen

Hatten die Badener zwar sehr ansprechend, couragiert und konzentriert begonnen, so genügte ein vehementer Pfostenschuß des Stuttgarter Angreifers Cyprian Maricas, um die verunsicherten Hausherren peu à peu auseinanderfallen zu lassen. Und nach dem Führungstreffer Elsons schließlich wurde dem Publikum seitens der Mannschaft endgültig jede Erwartung verweigert, daß es für den VfB noch einmal gefährlich werden könnte. Zu sehr hatten auch potentielle Hoffnungsträger enttäuscht. So der wie geistesabwesend wirkende Marco Engelhardt, aber auch Christian Eichner, der durch die verletzungs- und trainerbedingte Zwangspause doch mehr aus dem Rhythmus geworfen zu sein scheint, als man ohnehin schon befürchten mußte. Und was hatte der KSC mal wieder für einen Aufwand betreiben müssen, um zu einigen wenigen halbwegs als Torchancen zu bezeichnenden Situationen zu kommen. Ganz anders der VfB, der in Eiseskälte zuzuschlagen vermochte

Schmerzhafte Erinnerungen

Weitaus angriffslustiger hatte sich zwei Tage zuvor KSC-Manager Rolf Dohmen gezeigt: „Davon hat er keine Ahnung, das gibt’s im Fußball nicht. Das ist eine Unverschämtheit!“ Auweia. Auf der Pressekonferenz zum VfB-Spiel reagierte er sehr emotional, als er auf die Aussagen von Professor Werner Franke aus Heidelberg angesprochen wurde, der sich zu potentiellen Manipulationsmöglichkeiten vor Dopingproben in der Bundesliga geäußert hatte.

Gemach, Herr Dohmen, möchte man da sagen. Einerseits liegt es an der DFL und ihren Vereinen selbst, sich einfach nach den vorgeschriebenen Regeln zu verhalten und somit jegliche Zweifel bereits im Keim zu ersticken – und andererseits gehörte der Manager selbst einer Spielergeneration an, der von den damaligen Sportärzten übel mitgespielt, ja, mit der sogar geradezu fahrlässig herumexperimentiert worden war.

50jährige Invaliden

Man denke hierbei nur an einige seiner ehemaligen Mannschaftskameraden beim KSC. Der heutige Chef-Scout Rainer Ulrich wäre froh, könnte er sich auch nur wenige Minuten schmerzfrei auf den Beinen halten. Auch Karl „Charly“ Berger wird noch heute schmerzhaft daran erinnert, mit welch wüsten Methoden einstmals seine Einsatzfähigkeit hergestellt worden war. Und Raimund Krauth? Der einstige Klasse-Stürmer mußte im vergangenen Jahr eine schwere Operation über sich ergehen lassen, um seine Fortbewegungsfähigkeit zumindest einigermaßen aufrecht erhalten zu können. Man beachte, daß das Alter der jeweiligen Männer und ehemaligen Leistungssportler bei gerade einmal ca. Anfang, Mitte fünfzig liegt.

Ein scheinheiliges Geschäft

Ebenso weiß man heute, daß die einstigen Bekenntnisse Toni Schumachers aus seinem Buch „Anpfiff“ keineswegs aus der Luft gegriffen waren. Da vermochte man zwar zeitweilig, den einstigen Nationaltorwart kalt zu stellen – doch änderte dies nichts an der Tatsache, daß seit den sechziger Jahren mitunter mit Tabletten und Spritzen nachgeholfen worden war, die Fußballer noch leistungsfähiger zu machen. Den gleichen Abwehrreflex wandte die Branche noch jüngst auch bei Peter Neururer an, als jener sich vor rund zwei Jahren ebenfalls bestätigend zu der Problematik äußerte. Es wirkt scheinheilig, wie das Fußball-Establishment eine heile Hochglanzwelt zu verteidigen sucht, ohne konsequent dafür zu sorgen, daß Verdachtsmomente erst gar nicht aufkommen können. Daher, bei aller gegenüber dem Vollblutfußballer Rolf Dohmen gegenüber zugestandenen Lauterkeit, sollte es den Vereinen vornehmlich darum gehen, den Kritikern argumentativ und verläßlich entgegenzutreten. Denn dann könnte der „Heidelberger Professor“ zuverlässig zumindest davon eine Ahnung haben, daß es im Fußball sauber zuginge.

Jetzt muß es laufen!

Ganz besonders sauber laufen muß es beim KSC in den nächsten Wochen aber auf sportlicher Ebene, will man sich im Mai nicht tatsächlich als Absteiger wiederfinden. Bei aller Tristesse und nicht unberechtigter Skepsis ist noch nichts verloren, wenn die Mannschaft weiterhin entschlossen an sich glaubt. Abseits jeglicher in solchen Situationen üblicher Phrasen hat sie noch nicht alle Betrachter von Ihrer Bundesligauntauglichkeit überzeugen können. Viele Fans glauben noch an den Klassenerhalt. Möge dieser Funke überspringen.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


6 Antworten zu “Eiseskälte — ein schlimmer Sonntag für den KSC”
  1. Holger Lauinger sagt:

    viele fans glauben noch an den klassenerhalt? kann ich was von dem zeug bekommen?

  2. Charlie sagt:

    Ich erinnere nur an das Jahr, in dem wir in den letzten vier Spielen vier Siege heimgefahren hatten, angefangen mit einem Auswärtssieg in Trier (dem einizgen überhaupt?).

    Solange noch ein kleines Fünkchen Hoffnung in mir brennt, gebe ich die Mannschaft nicht auf!

  3. Gegen Frankfurt 0:1. Gegen den VfB sogar 0:2. Keine Punkte aus zwei Heimspielen. Seit drei Spielen ohne Torerfolg. Das ist eine Bilanz, welche auch mit viel Goodwill noch beschämend ist. Ersteres Spiel gegen Frankfurt schmerzte um so mehr, als das Frankfurt (genau wie im Hinspiel) auffallend schwach, teilweise sogar sehr schwach, auftrat. Dennoch schafft es der KSC derzeit nicht, einen schon halb in den Seilen hängenden Gegner mal kurz den entscheidenden Punch zu verpassen. Das zweite Spiel schmerzte nicht weniger, da es, zum einen gegen den Erzrivalen aus Stuttgart verloren wurde und es zum anderen derzeit offensichtlich nicht viel braucht, den KSC am Toreschiessen zu hindern. Die Stuttgarter Abwehr war zu allen Zeiten sattelfest. Bis auf wenige Momente gab es hier nichts zu bestellen. Die Frage lautet: Was kann hier noch Abhilfe schaffen? Saglik und Drpic sind für den KSC ganz sicher eine Bereicherung. Ersterer mühte sich redlich und auch tapfer um seine Chancen. Drpic hatte Gomez weitgehend kaltgestellt. Auch das will erst einmal geschafft sein und zeigt, das Drpic schon jetzt als bester Neuzugang der letzten drei Jahre
    zu werden. Auch Dohmen hat das schon nach dem Spiel gegen Bochum erkannt und umgehend verlautbaren lassen, das man die Kaufoption zum Saisonende unbedingt ziehen möchte. Dazu muss der KSC aber den Klassenerhalt unbedingt schaffen. Ansonsten wird man den spielerisch sehr abgeklärten Kroaten halten zu können. Und das wäre wirklich eine Katastrophe. Und die anderen Leihgaben? Federico hat bekanntermaßen seine Qualitäten. Dennoch agiert auch er zeitweise sehr glücklos. Engelhardt war vor allem in den letzten zwei Spielen eine Enttäuschung. Vorallem im Spiel gegen den VfB stand er teilweise völlig neben sich. Viele Zweikämpfe in der Abwehr wurden zwar solide angegangen, aber in Folge dessen wurden eroberte Bälle ohne große Not dem Gegner gleich wieder angedient. Im Spiel nach vorne war es einfach nicht bundesligatauglich. Da sehnt man sich wirklich das allzeit gelassene Auftreten eines Godfried Aduobe zurück. Stefan Buck, obwohl in Karlsruhe mit wenig Lob bedacht, machte seine Sache auch durchaus ordentlich. Und das in allen Spielen der Rückrunde. Den Querschläger zum 0:1 der Frankfurter sollte man auf sich beruhen lassen. Auch Da Silva und Stindl waren Wille und Motivation positiv anzumerken. Alleine: Sie brachten keine Früchte. Im Prinzip kann ich eigentlich nun das gleiche, wie schon oft zuvor auch schreiben: Einsatz ist gut. Effektivität ist was anderes. Als nächstes steht dem KSC das Spiel in Wolfsburg bevor. Trotz der Tatsache, das Wolfsburg i.d.R. durchgehend höhere Tabellenränge als der KSC einnimmt, konnte man, mit Ausnahme des 0:1 im DFB Pokal Ende 2007, in allen Bundesligaspielen seit dem Wiederaufstieg vor zwei Jahren ALLE ZWÖLF Punkte aus vier Spielen mitnehmen. Rein statistisch also ein für den KSC bisher sehr angenehmer und dankbarer Gegner. Bisher also alles in bester ordnung! Bisher!! Die Wolfsburger sind nun aber tabellarisch derzeit besser den je. Das alleine sollte zur Vorsicht mahnen (Wenngleich derzeit wohl niemand im Kreis des KSC Gefahr läuft, einer Euphorie anheim zu fallen) Dennoch darf die Mannschaft erhobenen Hauptes zu Spielen, gerade gegen norddeutsche Vereine, auflaufen. Falls wir es schon vergessen haben sollten: Der HSV wurde vor grade mal drei Wochen als heißer Anwärter auf die Tabellenspitze ohne einen einzigen Punkt nach Hause geschickt. Ebenso Werder Bremen. Es ist bemerkenswert, das der KSC bislang in dieser Saison gegen Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel die besten Leistungen gezeigt hat. Womit belegt wäre: Der KSC kann jeden Gegner der Liga schlagen! Vielleicht sollte Ede Becker ja im Heimspiel gegen Bielefeld eine leicht zugunsten von Arminia Bielefeld abgeänderte Tabelle an die Wand hängen. Bielefeld auf einem Championsleague Platz!!! Somit wären alle Vorauussetzungen für ein aufopferungsreiches Kampfspiel gegeben. (Aus dem deutschen Norden stammen die Almkicker ja schliesslich auch. *g*). Es wäre ein absolues Kuriosum, aber andernseits auch absolut bezeichnend für die moralische Verfassung des KSC, wenn der Klassenerhalt ausgerechnet in den Spielen gegen Mannschaften aus dem oberen Tabellenfeld errungen würde. Keiner kann sagen, das der KSC das nicht könnte. Ich erinnere mich jetzt spontan an keine Bundesligasaison seit 1986 in welcher nicht mindestens zwei oder drei Überraschungssiege gegen vermeintliche Topmannschaften errungen wurden. In diesem Sinne: Auf, Ihr Helden!!!

  4. Was vor-,während -und nach dem Spiel gegen den VFB Stuttgart abging beschämt mich doch sehr…..auch wenn keiner der beiden “Fan” (?)-Gruppierungen sich was schenkte …..was hat das mit Sport zu tun ??? Da werden wohl persönliche Probleme/Defizite auf den Sport projeziert ….aber diese Entschuldigung gilt hier nicht !! – Zuviel “Hass” im Spiel !!
    Für die Situation des KSC gilt : Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch wenn diese schon auf dem Sterbebett liegt .
    Man erinnere sich an diverse Abstiegskämpfe in der 2. Liga (ist noch gar nicht so lange her – schon vergessen ?)

  5. Holger Lauinger sagt:

    die hoffnung stirbt als letztes? also meine spukt bereits als zombie… würde gerne daran glauben, aber der ksc hat momentan eine sich selbstschädigende verhaltensstruktur: man ist völlig unfähig ein tor zu schiessen! ich glaube nicht, dass wir in wolfsburg auch nur den hauch einer chance haben… und die krise spitzt sich zu… die körperhaltung unserer stürmer nach den vertanenen chancen deutet auf mentale resignation… und selbst wenn wir mal gewinnen, das hat noch nie zur breiten brust in der nächsten partie geführt… anstatt, dass wir unsere erfolge mal nützen, um “aufzustehen”, nutzen wir sie um dann noch tiefer zu fallen…
    ihr dürft mir glauben, ich bin der erste, der sich freut, wenn ich mich täusche und der schwarzseher in unserer runde bin… ich möchte mich irren!

  6. [...] der letzten Kolumne schrieb der Verfasser sein Unverständnis über die vermeintlich gezielte Blockade des Stuttgarter [...]

  7.  
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