ede becker wildparkstadion bayer leverkusen kscNein, sofern man nicht über die Hemmungslosigkeit des Boulevardjournalismus verfügt, tut man sich in der Frage der Verantwortlichkeit für den sportlichen Erfolg oder Mißerfolg einer Fußballmannschaft recht schwer. Denn jenen Generalschlüssel gibt es einfach nicht, ja kann es nicht geben. In der Regel weicht man als einfacher Zuschauer, Journalist oder Funktionär auf die einfachste Lösung aus und richtet den Fokus auf jenen Mann, der mit der Mannschaft tagtäglich auf dem Platz zu tun hat, die Hauptverantwortung dafür trägt, daß sie aus eben jenen Einzelspielern zusammengestellt ist und schließlich über die Fähigkeit verfügen muß, aus dieser Gruppe junger Männer nach deren Fähigkeiten das bestmögliche Zusammenspiel herauszuholen – also auf den Chef-Trainer. Beim KSC heißt dieser Mann Edmund Becker und wird in der Regel (noch) nicht in die Fehleranalyse mit einbezogen.

Voraussetzungen

Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Wirken eines Trainers ist die Verfügbarkeit eines nominell den Ansprüchen genügenden Kaders. Ist dies nicht der Fall und genügt der Kader nicht den eigentlichen Erfordernissen, so ist von ihm ohne weiteres zu erwarten, daß er diese Bestandsaufnahme zeitig kundgibt und der Öffentlichkeit sowie seinen Vorgesetzten die erwartbaren Erfolgsmöglichkeiten mitteilt (vor Saisonbeginn waren dem Kader vom Verein übrigens unwidersprochen 45 Punkte als erreichbares Ziel vorgegeben worden). Wenn er nun zu dem Entschluß kommt, dies nicht öffentlich verlautbaren zu können, um die Akteure nicht noch weiter zu verunsichern, dann muß er es zumindest intern seinen Vorgesetzten mitteilen. In der letzten Konsequenz ist es so, daß der Trainer bei einem zu weiten Auseinanderklaffen von Realismus und Wunschdenken für sich die Reißleine ziehen und ehrlicherweise den Verein rechtzeitig verlassen kann oder muß. Ebenso kann ein Trainer gehen, wenn er zu der Überzeugung gelangt ist, daß er mit dieser an und für sich den Ansprüchen genügenden Mannschaft nicht mehr so zusammenarbeiten kann, daß sie ihre Möglichkeiten ausreichend ausschöpft, oder er von außen derart in seiner Arbeit gestört wird, daß er seine Vorstellungen nicht genügend umsetzen kann.

Nicht nur die Entscheidung des Trainers

Bei all diesen Wahlmöglichkeiten kann ihm nun auch das Präsidium zuvorkommen und so schnell wie möglich mit einem neuen Trainer versuchen, die Grundvoraussetzungen für maximalen sportlichen Erfolg zu verbessern. Dies ist der Fall, wenn die Entscheidungsträger grundsätzlich der Auffassung sind, daß ihr Trainer an diesem Platz kurz- bis mittelfristig keinen Erfolg haben wird und schlicht nicht die Geduld aufbringen können oder wollen, ihm mittels einer Generalüberholung des Spielerkaders in der kommenden Saison, notfalls auch in einer anderen Liga, die Gelegenheit zum Weiterarbeiten zu gestatten. Dies, zweifellos, ist die übliche Verfahrensweise, wenn es um die Handhabung von sportlichem Mißerfolg geht.

Es sind Fehler gemacht worden

Auf den KSC bezogen sind nun einige Beobachtungen und Schlüsse möglich. Edmund Becker hat u.a. gezeigt, daß er auch mit einem durchschnittlichen Kader Überdurchschnittliches leisten kann. Er ist charakterlich absolut integer und hat als langjähriger Angestellter das absolute Gespür dafür, was und mit welchen Mitteln der Verein zu leisten imstande ist. Der Bundesliga-Aufstieg 2007 sowie die sorgenfreie Saison 2007/08 sprechen für sich, er ist ein guter Trainer für den KSC. Dies gilt auch, obwohl er in den vergangenen Monaten auch Fehler gemacht hat. So ist es ihm – bereits ausgehend von der letzten Spielzeit – nicht gelungen, den kleinsten Kader der Bundesliga soweit bei Lust und Laune zu halten, daß sich keiner überflüssig oder perspektivlos vorkommt. Denn es ist nicht nur Stefan Buck, der so rasch wie möglich das Weite suchen will, sondern sehen noch weitere Spieler keine Zukunft in Karlsruhe. Auch ist es ihm nicht gelungen, die notwendige Flexibilität zu zeigen, um auf Veränderungen angemessen reagieren zu können. Zu sehr ist die Mannschaft in ein bestimmtes Spielschema gepreßt, das weder den Gegner noch die eigenen Spieler noch überraschen kann. Dies ist fatal. Denn, wenn man schon einen Kader zur Verfügung hat, der in der individuellen Klasse limitiert ist, dann muß man die Kreativität besitzen, diese Schwächen kompensieren zu können. Notfalls auch mit Mitteln, die der eigenen Philosophie entgegenstehen.

Die Sollbruchstelle

Die entscheidende Denkpause für alle Beteiligten wird nun mit der Winterpause anstehen. Der Trainer ist – gerade beim KSC, der finanziell nicht die Möglichkeiten für raumgreifende Veränderungen im Spielerkader hat – die Sollbruchstelle des Vereins. Selbst bei einer Fortsetzung der Talfahrt kann er mit Becker auch künftig zusammenarbeiten und mit ihm, ohne schlechtes Gewissen, im Sommer einen Neuanfang wagen. Denn, solange die mittel- und langfristigen Perspektiven stimmen, können und dürfen Fehler passieren. Der Verein hat sich absolut glaubwürdig und klar zu Ede Becker bekannt und bekräftigt, mit diesem notfalls auch in die 2. Liga gehen zu wollen. Diese Absichtserklärung hat Hand und Fuß, zeigt sie doch, daß die Entscheidungsträger dem Trainer die sportliche und emotionale Kompetenz zugestehen, in diesem Verein wieder erfolgreicher arbeiten zu können. Angesichts der Person Beckers besitzt diese Konsequenz gewiß den größten Charme und bliebe eine Kontinuität gewahrt, die dem Verein viel Geld und Ärger sparen könnte. Man hat beim SC Freiburg über viele Jahre gesehen, daß sich diese Identifikation – trotz kurzfristiger Rückschläge – auszahlen kann.

Kehrtwende erforderlich?

Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß der Verein doch noch versucht, eine sofortige Kehrtwende zu erreichen und mit einem neuen Trainer versucht, aus einem derzeit überfordert wirkenden Kader noch das Beste herauszuholen. Denn die wirtschaftliche Gesundung ist bei einem Verbleib in der Bundesliga zweifelsohne weitaus aussichtsreicher als in der 2. Liga. Ebenso gilt dies für die Stadionpläne des KSC. Wenn man sich schon mit dem Rückenwind eines Bundesligisten so schwer tut, dürfte dies als Zweitligist nicht einfacher werden.

Es bleibt also in jeder Hinsicht spannend.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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