Vereinsliebe auf der Ladentheke – Einkaufen beim KSC

Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte es der Fußballfan als höchst albern empfunden, sich als gestandener Familienvater und Erwachsener mit Schal oder Mütze zu seinem Verein zu bekennen. Und selbst wenn er dies getan hätte, so wären jene Utensilien allenfalls kurz vor dem Stadion angelegt worden. Damit aus dem Hause gehen oder sich gar in die Straßenbahn setzen? Ach was, nie im Leben – was würden denn die Leute denken! Diese öffentliche Entblödung blieb Kindern oder hartgesottenen Fans überlassen. Zu jenen wollte man sich bestimmt nicht bekennen. Daß diesen Hundertprozentigen die sogenannte Kutte – eine mit zahllosen Aufnähern bestückte Jeansweste – heilig war, machte sie nur um so suspekter. Wäre man jenen Hundertprozentigen übrigens mit den heute im Angebot zu findenden KSC-Badeschlappen oder Willi-Wildpark-Schlampermäppchen gekommen, hätte es für den Anbieter wahrscheinlich eine Tracht Prügel gesetzt.

Wimpel, Aufkleber und ein Feuerzeug

Zugleich war das Angebot an Fan-Utensilien doch arg überschaubar. Ab Mitte der Sechziger Jahre kam es überhaupt erst auf, daß man mit Fahnen ins Stadion ging. In den Siebzigern konnten jene nicht groß genug sein und wurden die Fahnenwälder in den Fan-Blocks alsbald charakteristisch für die deutschen Fußballstadien. Jene Groß-Fahnen gab es ebensowenig zu kaufen wie Schals oder Pudelmützen, die ebenso rasch populär wurden. Hierzu mußten noch Mütter oder Omas herangezogen werden, die für das entsprechende Outfit des Nachwuchses fleißig zu nähen und zu stricken hatten. Das allgemeine Angebot solcher Utensilien wurde in den Stadien von fliegenden Händlern getragen, die mit den Vereinen so weit nichts zu tun hatten. Kleine Fahnen gab es dort zu kaufen, kultige Mützen mit grünen Plastikschirmchen, Aufnäher und Aufkleber, den einen oder anderen Wimpel und, wenn man Glück hatte, auch einmal ein Feuerzeug mit dem aufgedruckten Vereinswappen. Das war’s.

Merkantile Diaspora

Flankiert wurde diese merkantile Diaspora von sporadischen Angeboten der Versandhäuser. Ab und an gab es dort Bettwäsche – in der Regel von den großen Vereinen wie Bayern oder Mönchengladbach – oder sonstige Kleinigkeiten zu erstehen. Und Trikots waren die Mangelware schlechthin. In der Regel gab es nur lieblos und billig nachgemachte Ware zu finden. In Karlsruhe kamen Originaltrikots des KSC erst in den 80er Jahren in den Handel. Wobei, was heißt hier Karlsruhe – man mußte schon raus nach Blankenloch zum Sporthaus des ehemaligen KSC-Mittelfeldstrategen Kurt Sommerlatt, um diese Bückware erstehen zu können.

Neue Geschäftsfelder

Heute ist dies anders. Mit der Popularisierung des Fußballs ab Beginn der neunziger Jahre entdeckten die Vereine auch das Merchandising als lukratives Geschäftsfeld. Beeinflußt wurde diese Entwicklung sicherlich auch von amerikanischen Sportarten wie Basketball oder American Football, die in Deutschland immer populärer wurden. Deren schon immer stark auf die Vermarktung gerichtetes Geschäftsmodell machte den Vereinen deutlich, daß es auch jenseits von Eintrittskarten oder TV-Geldern noch lukrative Einnahmefelder gab, die es zu erschließen galt. Parallel angeschoben wurde dieser Markt durch das Privat-Fernsehen, im besonderen die Sendungen „Anpfiff“ und „Ran“, mit denen sich die mediale Präsentation schlagartig zu verändern begann. Plötzlich galten die vormalige „Sportschau“ sowie „Das aktuelle Sportstudio“ als extrem antiquierte Veranstaltungen, die mit ihren seriösen und kritischen Berichterstattungen ein vorgebliches Hochglanzprodukt ebenso langweilig wie geschäftsschädigend aufbereitet zu haben schienen.

Schnurgerade in die die heutige Eventkultur

Mit RTL und Sat1 änderte sich dies nun radikal. Stadionbesucher, die das eben gesehen Spiel als Zusammenschnitt im Fernsehen sahen, glaubten plötzlich ihren Sinnen nicht mehr zu trauen – waren sie doch gerade noch, ohne es bemerkt zu haben, offenbar Zeugen eines der großartigen Bundesligaspiele aller Zeiten gewesen. Diese außerordentlich positiven Darstellungen lagen im absoluten Interesse der privaten Anbieter, unkritische Berichterstattung inbegriffen. Für das Produkt Fußball hatten sie nämlich einen hohen Preis zu bezahlen – und verrückt wären sie gewesen, hätten sie diese Ware nun öffentlich schlechtgemacht oder abgewertet. Dadurch wurde eine Spirale in Gang gesetzt, die schnurgerade in die heutige Event- und Arenenkultur geführt hat. Jener Boom hat sich beiliebe noch nicht abgeschwächt, sondern ist weiterhin im Wachstum begriffen. Es bleibt allerdings abzuwarten, in wie weit es die bevorstehenden wirtschaftlichen Dürrezeiten den Fußballfan etwas kritischer abwägen lassen werden, ob denn nun dieser oder jener Krimskrams aus dem Fan-Shop nun wirklich notwendig ist.

Selbst Großväter machen mit

Sicher ist – seit es mit Fan-Artikeln so richtig Geld zu verdienen gibt, haben die Vereine das Geschäft entweder selbst oder über Marketing-Gesellschaften in die Hand genommen und ist es mit den tapferen Kleinhändlern, die jahrelang mühselig eine vernachlässigte Nische bedient hatten, endgültig vorbei. So natürlich auch beim KSC, der auf diesem Markt kräftig mitmischt und dem auf der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken befindlichen Kunden so manche blau-weiße Skurrilität offerieren kann. Das Angebot an sich ist reichhaltig und in gewisser Hinsicht ausgewogen, wechseln sich sinnvolle und hübsche Dinge mit belanglosen ab. Schön ist, daß bei den Mädchen-Artikeln die Farbe Rosa verschwunden ist. Hingegen schade ist es, daß auf so manchem Artikel noch immer die „Soccer Kids“ herumgeistern. Was soll das eigentlich?  Auch ist ein Rätsel, weshalb es die nur geschmacklos zu nennende „Keiler 12“- Kollektion noch immer gibt. So schwarz können die Nächte nicht sein, in denen man sich derart gekleidet auch nur an das Heruntertragen des Bio-Mülls wagen würde.

Tradition wird zur Belanglosigkeit

Geradezu verschwenderisch geht der KSC allerdings mit dem Potential „Tradition“ um. Uninspiriert wird da und dort mit dem Motto „Tradition seit 1894“ hantiert, zumeist auf Artikeln, die mit dieser Tradition in keinerlei Zusammenhang stehen. So zum Beispiel auf einem Rugbyshirt. Berechtigt stellt man sich hierbei die Frage nach wirklichen Traditionstrikots, die sich gerade bei anderen Vereinen größter Beliebtheit erfreuen und selbstverständlich fester Bestandteil des dortigen Fan-Sortiments sind? Wo sind die Phönix-, wo die VfB Mühlburg-, wo die legendären Karlsruher-Leben- oder Hettel-Leibchen? Statt dessen hat man es beim KSC wohl als sinniger empfunden, das Geschäft mit der Baden-Nostalgie auch noch mitzunehmen. Nicht zu Unrecht war dieses viele Jahre lang nur Nischen-Anbietern vorbehalten. Nun jedoch findet sich im offiziellen Fanartikel-Angebot sogar ein Aufkleber, auf dem mit den Worten „50 Jahre sind genug“ ein badischer Greif dem württembergischen Hirsch mit einem Schlaginstrument, das einem Baseballschläger frappant gleicht, zu Leibe rückt. Das muß nicht sein. .

Viel Geld für Durchschnittliches

Letztlich bleibt, daß der Fan für Durchschnittliches sehr viel Geld auf die Ladentheke legen muß und der Preis, den man für ein einfach gemachtes Produkt mit KSC-Emblem bezahlt, manchmal etwas zu hoch sein kann. Gewiß tritt der KSC in der Produktionskette zwangsläufig als weiterer Zwischenhändler und Kostenfaktor auf, der an einem Produkt etwas verdienen möchte. Doch wirkt die Gewinnmarge, die der Verein mit diesen Artikeln erzielen möchte, bisweilen überzogen. So lange der Kunde bezahlt – Angebot und Nachfrage – mag dies seine Richtigkeit haben. Aber dennoch sollte man die Leidenschaft der Anhänger nicht all zu sehr beanspruchen. Als Beispiel dienen mag aktuell ein Schokoladen-Weihnachtsmann, gehüllt in blau-weißem Staniolpapier. Er kostet drei Euro. Sich aufopfernde Tester empfehlen, ihn nicht seinem eigentlichen Zweck zuzuführen und also zu verzehren, sondern allenfalls als Dekoration zu benutzen – die Schokolade soll gruselig schmecken.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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