Der KSC kann sich nicht über schlechte Presse beklagen

Vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 am vergangenen Dienstag im Wildpark kam es zu einer bemerkenswerten Aktion. Im Fan-Block des KSC wurde ein großes Banner in die Höhe gestreckt – „Lieber stehend sterben als kniend leben!“ Mit diesem Zitat einer Rock-Gruppe forderten die Fans vom Trainer die Abkehr von dessen Spielsystem mit nur einer Spitze. Wer sich in Fußballstadien auskennt, weiß, daß diese Kritik ein ungeheuerlicher Vorgang und zumindest für Karlsruhe bislang singulär ist. Denn üblicherweise findet die Unzufriedenheit mit einer sportlich unbefriedigenden Situation weitaus schlichtere Ventile. „Jener Trainer kann es nicht, die Spieler wollen nicht und das Management – ach Gott, lauter Ahnungslose…“ Man  sollte daher diese differenzierte Zuschauer-Reaktion ernst nehmen und sich hüten, hierin den Beginn der ansonsten im Fußballgeschäft üblichen Reflexe zu sehen und die Wagenburg um die sportliche Leitung fester zu bauen. Denn so einfach ist einfach nicht (mehr).

Keine öffentliche Kampagne

Denn offenbar wissen große Teile des Karlsruher Publikums darum, daß man die fußballerische Entwicklung auch abseits abgegriffener Schlagworte erfassen und somit verstehen kann. Dies geschieht entgegen der Vermutung, daß das spezifische Fußballwissen der „neuen“ Zuschauergeneration abgenommen haben könnte. Darüber hinaus ist erstaunlich, daß dieser Protest unzweifelhaft entgegen der Verlautbarungen der örtlichen Presse- und Medienlandschaft zustande kommt – und daher in keiner Weise das Produkt einer öffentlichen Kampagne sein kann. Allenfalls aus den Hochzeiten der Schäfer-Ära ist es erinnerlich, daß sich eine lokale Presse-, Rundfunk und TV-Szene derart dazu verleiten ließ, sich so bedingungslos hinter die Protagonisten des Vereins zu stellen, wie es zur Zeit üblich ist. Kein Zweifel – das Präsidium Raase und die sportliche Leitung Becker haben den Verein in schwierigen Zeiten übernommen und wieder zukunftsfähig gemacht. Wer sich an die vorangehenden Trümmer erinnert, kann diese Leistung nicht hoch genug bewerten.

An der Nase herumgeführt

Aber! Diese Erfolgsbilanz darf die Medien nicht dazu verleiten, sich nachgerade instrumentalisieren zu lassen. Fußball ist ein öffentliches und transparentes Gut und  allwöchentlich können die sportlichen und weitestgehend auch administrativen Leistungsnachweise von Tausenden Sachverständigen eingefordert werden. Wer dann das mit eigenen Augen gesehene in der Presse nicht wieder- oder objektiv reflektiert findet, fühlt sich irgendwann an der Nase herumgeführt. Zumal dann, wenn die Parteilichkeit derart offensichtlich wird, wie im Vorfeld und während der Mitgliederversammlung im vergangenen Monat.

Mittendrin statt nur dabei

Gerade weil die Handelnden angesichts der wirtschaftlichen und historischen Umstände eine gute Arbeit leisten, sollten die Medien auch den Mut finden, Dinge auch einmal kritisch zu hinterfragen. Sollte dem der Widerstand des Vereins gegenüber stehen und dieser daraufhin gegenüber den betreffenden Journalisten wieder eine etwas robustere Verhaltensweise wählen, so wäre gerade dies ein weiterer Grund dafür, nicht nur Hofberichterstattung zu betreiben. Man kann sich mittlerweile des Eindrucks nicht erwehren, daß sich manch Pressevertreter in der Gunst, die ihm mit der Teilhabe an Abläufen, exklusiven Informationen und persönlichen Vorteilen von Vereinsvertretern erwiesen wird, geradezu gemütlich eingerichtet hat. Ob des Gefühls, buchstäblich „mittendrin statt nur dabei“ zu sein, rückt das einzufordernde Recht der Öffentlichkeit, eine sachliche und objektive Berichterstattung zu erhalten, doch arg in den Hintergrund. Immerhin: Diese Verfahrensweise ist wahrlich geräuschloser und eleganter als das Beispiel des FC Bayern München, der – wie es ihm gefällt – das Bevorzugen oder Aussperren von Pressevertretern öffentlichkeitswirksam postuliert hat. Daß die relative Ruhe, die den aktuellen Vereinsvertretern beschieden ist, dem Verein nutzt, mag nur vordergründig positiv sein. Denn noch immer gilt, daß auch fein gesponnenes irgendwann an die Sonne gelangt.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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