Am vergangenen Samstag gastierte der FC Bayern München im Karlsruher Wildparkstadion. Der Rummel war unwahrscheinlich groß und war es faszinierend zu beobachten, wie weit sich die vorgeblich besten und größten Akteure der Fußball-Bundesliga von ihrem Status als eigentlich ganz gewöhnliche Fußballer mittlerweile entfernt haben. Daß es ganz besonderes zu sehen gab, war bereits vor dem Spiel zu beobachten. Normalerweise herrscht noch bis wenige Minuten vor Spielbeginn an Bier- und Essensbuden ein reges Treiben, und verweilen die Zuschauer bei angeregten Gesprächen im Außenbereich. Dieses Mal jedoch leerten sich die Wege und Plätze bereits eine halbe Stunde vor Spielbeginn fluchtartig, da man offensichtlich noch nicht einmal das Aufwärmprogramm der Superstars versäumen wollte. Im Stadion selbst, gerade im vorderen Bereich der Haupttribüne, drängten sich Menschen jeglichen Alters mit ihren kleinen Kameras, um den günstigsten Platz für Fotos der Münchner zu erwischen. Und nach dem Spiel ging das Spektakel weiter. Durch die geöffneten Fenster des Presseraums gellten von draußen ungewöhnliche Schreie herein. „Poldiiiii!“, Schweiniiiiii!“ – der Weg der Stars von der Kabine zu ihrem nur wenige Meter entfernt stehenden Bus wurde von ekstatischem Gekreische begleitet. Erschreckend hierbei war, daß nicht nur junge Mädels die Verursacher des Getöses waren, sondern, es war deutlich herauszuhören, auch gestandene Männer.

Nebendarsteller Becker

Alles war ein bißchen schöner und größer wie gewohnt. So die polyglotten Spielerfrauen der Gäste, gegenüber denen sich die Einheimischen vielleicht hätten etwas verhuscht vorkommen können. Wenn dem so gewesen sein sollte, dann allerdings völlig unnötig. Auch war das Presseaufkommen mit Unmengen von Fotografen und Reportern (auch der von den Bayern mit Pressekonferenz-Verbot belegte Sport-Bild-Journalist Raimund Hinko nutzte die Gunst der Stunde, mal wieder irgendwie dabei zu sein) recht eindrucksvoll. Folgerichtig stand auf der Pressekonferenz nach dem Spiel auch Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann deutlich im Mittelpunkt des Interesses, während der späte Verlierer Edmund Becker von Fragen weitgehend ungestört blieb. Deutlich war es seinem Gesichtsausdruck zu entnehmen, daß ihm dies auch recht war. So mußte er auch nur eine Nachfrage zur taktischen Marschroute gegen Ende des Spiels beantworten, die sich mit einer vielleicht zu vorsichtigen Auswechslung beschäftigte. Im kleineren Kreise wäre Beckers Antwort auf die Kritik wohl etwas robuster ausgefallen. Doch angesichts der schieren Masse von Menschen im kleinen Karlsruher Presseraum beherrschte er sich und wurde fortan in Ruhe gelassen. Das war ein wenig Pech für den Interessierten, da die Karlsruher Lokalpresse den sportlichen Kritikbereich ansonsten elegant zu umschiffen weiß und sich im beschaulichen Friede-Freude-Eierkuchen-Biotop des Wildparks bestens zurückzuhalten weiß. Denn zu sehr schätzt man, was man daran hat.

Nein!

Pech übrigens auch für einen Verwaltungsrat des KSC, der sich ein gemeinsames Bild mit einem bestimmten Bayern-Spieler gewünscht hatte und daher den vorbeikommenden Nationalspieler Tim Borowski freundlich bat, seinen Mannschaftskollegen kurz zu fragen, ob er zu diesem Zwecke nochmals kurz aus dem Bus kommen könne. Borowoskis Antwort war ein derart hingeflegeltes „Nein!“, daß der ob der Unhöflichkeit erschrockene KSC-Offizielle nur noch darauf aufmerksam machen konnte, daß es schön gewesen wäre, auf eine höfliche Frage auch eine ebensolche Antwort zu erhalten. Zwar nuschelte der Nationalspieler daraufhin generös ein „na gut“, mit dem er offenbar zum Ausdruck bringen wollte, seinen Kameraden doch noch zu fragen – doch da der Ersehnte hernach erwartungsgemäß nicht mehr aus dem schwarzen Luxusgefährt auftauchte, kann man spekulieren, ob überhaupt und in welcher Form ihm der Wunsch übermittelt worden war.

Die Wünsche werden erfüllt

Hierzu ist es immer wieder schön zu beobachten, wie sich die Local Heroes des KSC nach jedem Heimspiel zwangsläufig ihren Fans stellen. Spätestens eine Sunde nach Spielschluß schlendern Sie aus dem durch einen Zaun geschützten Haupttribünenbereich heraus, um zu ihren Autos zu gelangen und in den verdienten Feierabend zu gehen. Dies ist natürlich nicht möglich, ohne zig Autogramme schreiben und ebenso viele Erinnerungsfotos machen lassen zu müssen. Jeder Wunsch wird erfüllt, niemand wird enttäuscht. Und das auch dann, wenn man wieder einmal verloren hat. So sehen Sieger aus.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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