Ein Unglück für Stadt und Verein
Geschrieben von Matthias Dreisigacker in Kolumnen - 188 KlicksUm es kurz zu machen: Die Ära der Stadtverwaltung unter dem Oberbürgermeister Heinz Fenrich wird eines Tages als Unglück in die Annalen der Stadt Karlsruhe eingehen. Über die Jahrzehnte seit dem 2. Weltkrieg hinweg hatte die Stadt das Glück, mit Persönlichkeiten wie Friedrich Töpper (1970-1952), Günther Klotz (1952-1970), Otto Dullenkopf (1970-1986) und Gerhard Seiler (1986-1998) ebenso maßvolle wie visionäre Verantwortungsträger an ihrer Spitze zu haben, die sich in ihrem Amt als überzeugte Treuhänder des Gemeinwohls verstanden. Der Stadt taten diese Männer so gut, daß deren Bürger sogar über die Folgen und Begleitumstände der Amtszeiten gerade von Klotz, Dullenkopf und Seiler – alle drei gehörten der CDU an – hinwegsahen, welche die dauerhafte Präsenz einer einzigen Partei an verantwortungsvoller Stelle nun einmal zwangsläufig zu bedingen scheinen.
Cäsarentum im Rathaus
Fenrich hingegen, der noch bis 2010 gewählt ist, kann die beispielhafte Größe seiner Vorgänger kaum zugesprochen werden. Sein Cäsarismus ist ungeheuerlich, die Liste seiner zu verantwortenden, perspektivischen Fehlentscheidungen lang – und im besonderen auch noch teuer. Die derzeit präsentesten sind die Karlsruher Messe, der Bau des neuen EnBW- Kohlekraftwerkes im Rheinhafen, ein Spaß- und Freizeitbad an der Alb oder auch das Wohlwollen gegenüber dem neuen Fleischwerk der Firma Edeka am Rande der Karlsruher Gemarkung auf dem Gebiet der Gemeinde Rheinstetten. Hinzu kommt das scheinbar unbeirrbare Festhalten an der sogenannten Kombi-Lösung. In wessen Interesse und zu welchem Vorteil die Realisation dieser Projekte auch standen oder stehen, sei dahingestellt. Die Karlsruher Bürger als deren ausgesprochene Profiteure zu erkennen, ist allerdings kaum statthaft. Deren einziger Gewinn wird sein, bei der nächsten Gemeinderatswahl für die Auswucherungen einer sich über Jahrzehnte breitmachenden, nach Richard von Weizsäcker ebenso machtvergessenen wie machtversessenen Politikelite besonders sensibilisiert worden zu sein und sich ganz genau zu überlegen, welchen Personen und Parteien sie künftig das Vertrauen für ihre Stadt gibt.
Der KSC ist kein Opfer
Nun läge es gewiß nahe, auch den Karlsruher SC als Opfer des Systems Fenrich zu sehen, da vom Oberbürgermeister in den vergangenen Jahren keinerlei verläßliche Signale zu erkennen waren, die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen des Bundesligisten offensiv zu unterstützen. Im Gegenteil – so schienen seine Aktivitäten eher darauf gerichtet zu sein, die Bemühungen des KSC zu torpedieren. Seit vergangenem Freitag ist nun zusätzlich klar, daß der Verein aufgrund der Ergebnisse des neuen Gutachtens sein Wunschstadion in Autobahnnähe wohl nicht bekommen, und es somit hinsichtlich des Umbaus des Wildparkstadions auch weiterhin mit einem ihm nicht wohlgesonnenen Partner zu tun haben wird.
Der KSC ist der Stadt vielleicht lieb, aber bestimmt nicht teuer
Da die Alternativstandorte Untere Hub und Gleisdreieck den finanziellen Willen der Stadt deutlich zu sprengen scheinen, erscheint allenfalls der Umbau des alten Wildparkstadions realistisch. Hierbei muß man dem Planungsbüro Albert Speer & Partner eine nach den Gegebenheiten des Standortes im Naturschutzgebiet Hardtwald interessante und attraktive Arbeit zugestanden werden. Wobei dieses Gutachten aber nur die absolute Obergrenze des dort Machbaren aufzeigen kann. Denn auch diese Umbaukosten überschreiten die vorgegebene Schmerzgrenze der Stadt deutlich. Hinzu kommen praktische Gedanken. Stellplätze für 8.000 Autos wären ja z.B. schön und gut, wenn man nicht wüßte, daß die Blechlawine nur kaum vorstellbar über die jeweils bekannten Nadelöhre der Stadt problemlos und sozialverträglich das Stadion überhaupt erreichen oder verlassen wird können. Auch ist fraglich, in wie weit die Umbaumaßen außerhalb des Stadions mit dem Landschaftsschutz verträglich sein werden.
Die Optionen
Faßt man für sich die Gemengelage zusammen, so bleiben nunmehr folgende Zukunftsszenarien. Das Wildparkstadion wird halbherzig und notdürftig auf den aktuellen Stand gebracht. Zu mehr werden die finanziellen Möglichkeiten nicht reichen. Die KSC-Fans müssen sich darüber im Klaren sein, daß das eigentliche Problem nicht bei Oberbürgermeister und Stadt liegt, sondern fußballimmanent ist – nämlich die Unwägbarkeit des Fußballs an sich. Momentan kann man beobachten, wie ein ebenso erfolg- wie traditionsreicher Fußballverein, der 1. FC Nürnberg, vom internationalen Fußball in den Abstiegskampf der 2. Liga durchgereicht wird. Auch ist das Hochglanzprodukt Fußball längst nicht so krisenfest, wie es in der Euphorie bisweilen scheint. Ein Korruptionsskandal könnte genügen, das Gebilde ins Schwanken zu bringen und die Öffentlichkeit die Lust verlieren zu lassen. Der KSC kann, dies hat die Vergangenheit überdeutlich gezeigt, nicht wie anderenorts in ausreichendem Maße auf die Treue von Sponsoren und Zuschauern zählen, um solche sportlichen und wirtschaftlichen Dürrephasen abfedern zu können. Dies von der Stadt zu verlangen, weil man den Rucksack einer teuren Arena auf dem Buckel trägt, wäre vermessen.
Die zweite Option ist, daß der Verein für einen Bau an der Bahn nun doch noch Investoren findet. Abgesehen von der Finanzierung käme der Verein aber auch hier mit dem Landschaftsschutz in Konflikt – weite Teile der Hub sind nämlich als Grünzäsuren ausgewiesen und wäre somit eine Bebauung ausgeschlossen. Abgesehen formalrechtlicher Vorgaben kann und sollte sich auch für den begeisterten Fußballfan die Frage stellen, ob zum Preis eines weiteren Verschwindens von Erholungsraum ein neues Stadion denn unbedingt notwendig ist.
Ende der Euphorie
Der heutige Bundesliga-Fußball stellt hinsichtlich seiner hochkommerzialisierten Regulierungswut inzwischen Anforderungen, die Sportvereine ohne die Unterstützung Politik und Großunternehmen nicht mehr alleine stemmen können. Diesem Wettlauf wird der KSC – und dies ist ausdrücklich festzustellen – nie gewachsen sein. Daran zu denken, in Zeiten der Not wie in Kaiserslautern oder Frankfurt nach der öffentlichen Hand zu schreien und die Kosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen, wäre unredlich. Daher sollte man sich auf Vereins- und Fanseite damit abfinden, sich den reduzierten Gegebenheiten stellen zu müssen und diese offensiv anzunehmen. Der Bundesligaabstieg von 1998 hat nun einmal weitaus mehr zerstört, als man sich eingestehen möchte. Vor allem jedoch die realistische Perspektive, daß der KSC jemals zu den Großen der Branche wird aufschließen können. Wären die fünf Europapokaljahre zwischen 1993 und 1998 nicht gewesen, so würde dieses Resümee nur wenig Enttäuschung auslösen, da der KSC seit Gründung der Bundesliga nicht mehr als allenfalls bemühten Durchschnitt repräsentierte. Trotzdem machte es Spaß, KSCler zu sein und sich zum Fußball in Karlsruhe zu bekennen. So sollte es auch in Zukunft sein.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.



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