Arminia Bielefeld kämpft gegen die Hartnäckigkeit seiner eigenen Geschichte.
Was passiert eigentlich, wenn ein Sportjournalist aus beruflichen Gründen ein Bundesligaspiel besuchen möchte? Nun, zunächst fragt er beim betreffenden Heimverein um eine Zulassung an und läßt sich akkreditieren. Diese Akkreditierung ermöglicht ihm u.a. die Nutzung der Presseräume des betreffenden Stadions, einen Sitzplatz mit Arbeitsfläche auf der Tribüne, eine Internetmöglichkeit sowie eine in der Regel solide Grundversorgung mit Speisen und Getränken. Beim KSC z.B. sind es die unverwüstlichen Wienerle mit Weck, beim FC Bayern gar ein warmes Büffet. Das ist fein. Sollte sich der Zeitungsjournalist nach dem Spiel allerdings von einem Spieler oder Trainer ein paar Fragen beantworten lassen wollen, so muß er reichlich Geduld mitbringen, da zunächst Funk und vor allem Fernsehen an der Reihe sind. Wenn anschließend die Akteure der Begierde nach dem ersten Medienmarathon tatsächlich noch ein paar Minuten Muse haben, sich der schreibenden Zunft zu stellen, dann entsteht bei jener ein Hauen und Stechen sondergleichen, um zumindest noch ein paar Fetzen Originaltöne erhaschen zu können. Und das ist natürlich weniger fein.
Eine interessante Ergänzung
Die Akkreditierung – also die Journalisteneintrittskarte – wird dem Empfänger ein paar Tage vor dem Spiel zugeschickt. Üblicherweise ist dieser Karte ein dürres Begleitschreiben beigefügt, in dem man darum gebeten wird, sich anständig zu benehmen und mit der Karte keinen Unsinn zu machen. Das heißt, sie also bitte nicht an Unbefugte weiterzugeben. Soweit ging vor dem Spiel des KSC in Bielefeld also alles seinen gewohnten Gang. Nur, dieses Mal war das Begleitschreiben ein wenig ausführlicher gefaßt, so daß man sich doch etwas intensiver damit beschäftigte und es tatsächlich bis zum Ende durchlas. Es wurde interessant.
Damit es jeder versteht
Denn in eigener Sache beklagte die verantwortliche Mitarbeiterin für Presse und Kommunikation die jüngere Feststellung, daß von Medienvertretern zuletzt „der Begriff Alm zur Benennung des Bielefelder Fußballstadions (…) wieder vermehrt verwendet wird.“ Des weiteren wird darauf verwiesen, daß auch in anderen Städten wie Hannover oder München die Stadionvermarktung eine große Bedeutung habe und sich die Arminia freue, seit 2004 ebenfalls einen „verläßlichen Partner aus der Region gefunden zu haben.“ Und zur Partnerschaft mit dem neuen Namensgeber gehöre es nun einmal, daß die Kommunikation über die Medien reibungslos verlaufe und man sich sehr darüber freute, „wenn Sie in Ihrer Vor- und Nachberichterstattung der Fußball-Bundesliga den Begriff (…) berücksichtigen würden.“ Und damit es wirklich jeder versteht, waren in die insgesamt neun Sätze gleich sechsmal die Namen von Sponsor und Stadion hineingepackt worden.
Ein gutes Recht
Natürlich haben wir verstanden. Und es ist ja nicht so, daß man die Interessen der Vereine, ihrer Angestellten und der Zuschauer nicht kennen würde. Eine optimale Vermarktung des Produktes Fußball ist deren gutes Recht. Mit ihm wird heute viel Geld verdient und wenn sich jemand in dieses System einkaufen möchte, weil er glaubt, daß er von dieser Verbindung profitiert, dann soll er dies eben tun. In den Profi-Vereinen sind nun einmal kaum noch jene Ehrenamtlichen tätig, die beim Stecken sportlicher Ziele noch an Trophäenschrank und Briefkopf dachten. Sondern bezahlte Angestellte, die beim sportlichen Erfolg an das Vereinskonto und somit zwangsläufig auch an ihren Gehaltszettel denken. Und wenn der Zuschauer heutzutage mit dem Fußball eher Tradition und Bodenständigkeit verbinden würde und ihm der Erfolg egal wäre, dann wären bei Heimspielen der TSG Hoffenheim wohl nur 150 Leute – weil der Rest seine Bratwurst in Heilbronn, Darmstadt oder Mannheim essen würde.
Das eigentliche Kapital nicht vergessen
Aber man soll doch bitte nicht vergessen, wo man herkommt. Und vor allem denen, die es noch wissen, nicht auch noch diese Reminiszenzen nehmen. Noch heute ist es bei zig Tausenden von Fußballfans so, daß die Wörter Bielefelder Alm geradezu einen Sturzbach von Erinnerungen auslösen. Auch das ist ein Kapital, mit dem Vereine – und vor allem die Arminia – wuchern können.
P.S.: Nun wollen wir mal nicht so sein – der KSC hat am Samstag in der SchücoArena gespielt. Nur, damit Sie es einmal gelesen haben.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.



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