„Einen Bess’ren findst Du nicht …“
Geschrieben von Matthias Dreisigacker in Kolumnen - 206 KlicksÜber Kameradenliebe im Fußball.
„Schön, daß Ihr Euch dieses Themas annehmt.“ Die Reaktionen gleichen sich, wenn Redaktionen von Presse und Rundfunk einen Beitrag über Homosexualität im Sport, im besonderen Fußball, veröffentlichen. So, als am Sonntag vorvergangener Woche die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihre Wochenendberichterstattung über die Bundesliga mit einem ganzseitigen Artikel einleitete – „Ich bin Fußballer. Ich kann nicht schwul sein.“ Süddeutsche Zeitung, Rund u.ä. – die Beispiele der jüngsten Vergangenheit zeigen, daß eines der letzten Geheimnisse des populärsten deutschen Sports inzwischen aus seiner Schmuddelecke hervorgeholt worden ist. Und dennoch: Die verantwortlichen Journalisten umweht dann sofort der Hauch des besonderen Mutes, vor dieser heiklen Thematik nicht zurückzuschrecken und sich furchtlos auf ganz gefährlichem Terrain zu bewegen. So werden sie unvermittelt zu den kleinen Politkowskajas des deutschen Sportjournalismus.
Ja, wer denn nun?
Einen Haken hat die Sache leider – die Namen fehlen. Noch. Hierbei zeigen sich recherchierende und inzwischen gut informierte Journalisten bislang erstaunlich verantwortungsbewußt und schützen die entsprechenden Protagonisten, die ihre Namen in diesem Zusammenhang nicht genannt haben möchten. Aber es gab und gibt sie, die schwulen Stars und Spitzenfußballer. Doch ist es nachvollziehbar, daß sie wenig Neigung zur Eigeninitiative zeigen, wenn es darum geht, sich öffentlich dazu zu bekennen. In der Regel sind es ja sogar die eigenen Eltern, die über die außergewöhnlichen Vorlieben ihrer Sprößlinge – wenn überhaupt – erst ganz zum Schluß etwas erfahren. Daß die „interessierte Öffentlichkeit“ über Showgrößen wie Alfred Biolek oder Hape Kerkeling überhaupt bescheid weiß, war dem schwulen Regisseur Rosa von Praunheim zu verdanken, der sich einst die Freiheit nahm, einige seiner Kollegen einfach mal so zu outen. Da war zwar Holland erstmal in Not, aber zeigte sich doch auch, daß die zu befürchtenden medialen und sozialen Hinrichtungen der Betroffenen eben nicht stattfanden.
Herzliche Freundschaften
Fraglos tun sich gerade männerbündische Gemeinschaften – und eine solche ist der Fußball zweifellos – im Umgang mit Schwulen in den eigenen Reihen oftmals sehr schwer. Als über den bekannten Rechtsextremisten Michael Kühnen in den 80er Jahren erste Gerüchte über seine besondere Beziehung zu Männern auftauchten, wurde nach außen verkrampft zurückgerudert, daß gegen eine „herzliche Kameradenfreundschaft“ doch nichts einzuwenden sei. War es aber doch – denn ob dieser Tatsache kam es anschließend zur Implosion einer von Kühnen mitgegründeten und – geführten Kameradschaftsorganisation. Es ist offensichtlich, daß das ohnehin schon latent vorhandene Erpressungspotential von öffentlichen Personen überproportional ansteigt, sobald Homosexualität im Spiel ist. Man erinnert sich. Auch die Spitzenpolitiker Klaus Wowereit und Ole von Beust traten erst dann die Flucht nach vorne an, als der jeweilige politische Gegner mit deren sexueller Orientierung unvermittelt Punkte sammeln wollte.
Im Whirlpool
Auch im Fußball dürfte mit solchen Mitteln gearbeitet werden. Wer weiß, welche Kabineninterna schon auf diese Weise den Weg an die frische Luft gefunden haben. Möglichkeiten, Intimitäten auszuplappern, gibt es schließlich viele. Ein Beispiel: Einst saß ein Freund in München mit einer käuflichen Gespielin im Whirl-Pool eines Etablissements, als die Tür aufging und sich alsdann ein Nationalspieler mit gleich zwei Schönheiten im Becken nebenan zu vergnügen begann. Man kann also sehen, daß Stars bei privaten Unternehmungen stets wahre Husarenritte auf Rasierklingen vollführen müssen, die mögliche Erpreßbarkeit inbegriffen. Welche Ängste und Versteckspiele müssen dann erst schwule Fußballer durchstehen?
So bleibt nur zu hoffen, daß unsere Gesellschaft eines Tages in der Lage sein wird, ein Klima zu schaffen, das schwule Fußballer nicht mehr verängstigen muß. Auch der DFB ist löblicherweise an diesem Thema dran, sodaß ein offensiverer, gleichwohl normalerer Umgang nicht mehr unmöglich scheint.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.



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