Vor 14 Jahren siegte der KSC mit 7:0 gegen den València CF.

Am Samstag war es jetzt 14 Jahre her, daß der KSC den vermeintlich größten Tag seiner Geschichte hatte. Im Rückspiel der 2. Runde des UEFA-Pokals wurde der FC València, Tabellenführer der Primera Division unter Trainer Guus Hiddink, mit 7:0 aus dem Wildparkstadion gefegt.

icher, es war ein einmaliges Ereignis. Nach dem mit 1:3 verlorenen Hinspiel, in dem besonders der bulgarische Ausnahmestürmer Luboslaw Penev – ein Hüne wie heute Jan Koller, nur technisch beschlagener – die Badener vor arge Probleme gestellt hatte, war an ein Weiterkommen  kaum noch zu denken gewesen.

Alle Dämme brachen

Und dann dieser denkwürdige Abend, als alle Dämme brachen und der KSC einen bis heute nachhallenden Paukenschlag setzte. Das Spiel war unglaublich, Euphorie und Atmosphäre unvergeßlich. Man kann tatsächlich sagen, daß die Menschen aus dem Häuschen waren – sowohl Leidenschaft und Selbstverständlichkeit des KSC-Spiels waren schlich singulär gewesen. Es war „totaler Fußball“. Und für viele Menschen bildet dieser Sieg noch heute den Kulminationspunkt ihrer Verbundenheit zum Verein.

Hängen und Würgen

Nur, weshalb? Diese Frage umtreibt so manche, die dem KSC zuvor und danach verfallen waren und ihn auf all seinen Wegen begleiteten. Denn, das Spiel an sich war nicht wichtig. Es war Zirkus – Zubrot und Kür für einen Verein, der sich mit Hängen und Würgen durch die Jahrzehnte rettete und oftmals mit mehr als einem Bein in der wirtschaftlichen und sportlichen Bedeutungslosigkeit gestanden hatte. Oftmals ging es um Ab- und Aufstiege, schlicht um die Existenz – weitaus wichtigere Dinge für jeden Anhänger als ein Herumtoben in sportlichen und öffentlichen Regionen, in die man schlicht nicht hingehörte.
Und manch einer würde wohl noch heute zehn, ja zwanzig „Valèncias“ gegen den verpaßten DFB-Pokalsieg von Berlin1996 eintauschen. Endlich wieder ein Pokal für Verein, Stadt und Region – dieser wäre den ganzen Größenwahn mit seinen folgenden Irrungen und Wirrungen vielleicht wert gewesen.

3.000 Verwirrte gegen den FKP

Es hatte Jahre gegeben, in denen man selbst von Karlsruhern ausgelacht wurde, wenn man sich als Fan zum KSC bekannte. Man hatte sich mit 3.000 anderen Verwirrten gegen Pirmasens buchstäblich die Füße abgefroren oder gegen Fortuna Köln durchregnen lassen. Nur wenig war, zum Beispiel, für einen Gymnasiasten uncooler, als zu den Proleten zu gehören, die ins Wildparkstadion gingen, um sich diese Trümmertruppe anzuschauen. Das sind wahrscheinlich diese Gefühle, die KSC-Fans haben, die in den jüngsten schlechten Jahren dazukamen und mit Regionalliga- und Zweitligafußball sozialisiert wurden. Damals und wie heute hat der KSC wieder viele, viele Freunde und wollen sie alle dazugehören.

KSC-Fans in Weimar

Szenenwechsel: Ein halbes Jahr nach dem València-Spiel wechselte ich den Studienort und ging nach Jena  In Thüringen machte ich denn auch die nachdrücklichste Erfahrung, welche Wirkung die europäischen Auftritte des KSC im Land entfaltet hatten. Damals war mein Konto bei der Postbank und wenn ich außerhalb der Schalteröffnungszeiten Geld haben wollte, mußte ich ins ca. 20 Kilometer entfernte Weimar fahren. Denn dort stand weit und breit der einzige Geldautomat dieser Bank. Etwa ein dreiviertel Jahr nach dem 3. November fuhr ich also wieder mal zum Automaten meines Vertrauens und kurvte mit mäßigstem Tempo durch die Straßen der Klassikerstadt. Meine Scheiben hatte ich ob der milden Temperaturen heruntergekurbelt. So passierte ich eine Ampel, bei der ich abbiegen mußte. In Schrittgeschwindigkeit das Lenkrad einschlagend ließ ich zwei Jungs über die Straße, deren Blick auf den KSC-Wimpel an meinem Rückspiegel fiel – „oooooh, Ka-Es-Ce!“. hörte ich die beiden synchron ausrufen. Sie schauten meinem Auto alsdann noch einige Zeit hinterher, wie ich im Blick zurück feststellen konnte.

Ein Klammern an Erinnerungen

In Weimar, zwölfjährige Kinder, KSC! Was die damalige Mannschaft für Verein, Stadt und Region eigentlich geleistet hatte, wurde einem in solchen Momenten klar. Der „Kleckerlesverein“ war nach Jahrzehnten überregionaler Bedeutungslosigkeit endlich im Bewußtsein des deutschen Fußballs angekommen und jeder KSCler konnte endlich einmal auf seinen Klub stolz sein. Und dieses Echo half mit, daß der KSC trotz der anschließenden Katastrophen von seinen Fans nicht vergessen wurde. An diese Erinnerungen konnte man sich auch nach den Abstiegen von1998 und 2000 noch klammern. Das ist denn nun auch der Punkt, an dem man dem Spiel vom 3. November einen hohen Stellenwert beimessen muß. Es mag nicht viele geben, die an jenem rauschhaften Abend daran dachten. Aber es gab sie. Es waren und sind jene, die sich zwar mit leiser Genugtuung die aktuelle Bundesligatabelle ansehen, in der Stille aber auch einen verstohlenen Blick auf diejenige von zweiter und Regionalliga werfen. Denn sie wissen ja, was alles kommen kann.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


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